Young Hearts (2024) - Erste Liebe ohne Tragödie

Der 14-jährige Elias verliebt sich in den Jungen von gegenüber - und muss lernen, dass Liebe Mut bedeutet. Anthony Schattemans Langfilmdebüt aus Belgien zeigt queeres Coming-of-Age ohne das übliche Trauma-Playbook.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Young Hearts (2024) - Erste Liebe ohne Tragödie - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Was wäre, wenn eine queere First-Love-Geschichte nicht in Tränen, Selbsthass oder Tod endet? Young Hearts wagt genau das - und ist damit fast schon subversiv. Der belgisch-niederländische Film von Regisseur Anthony Schatteman feierte Anfang 2024 bei der Berlinale Premiere und räumte dort prompt eine Special Mention der Kinderjury ab. Kein Wunder: Hier wird endlich mal nicht so getan, als wäre schwul sein automatisch ein Ticket ins Elend.

Wenn der Neue von gegenüber alles durcheinanderbringt

Elias ist 14, wohnt in einem verschlafenen flämischen Dorf und hat eigentlich genug um die Ohren: Schule, Freunde, seine erste „Freundin" Valerie - auch wenn er nicht so recht weiß, was er mit ihr anfangen soll. Dann zieht Alexander ins Haus gegenüber, ein selbstbewusster Typ aus Brüssel, der Judo macht und Elias sofort aus dem Konzept bringt. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Beim gemeinsamen Radfahren am Fluss verrät Alexander ihm ganz nebenbei, dass er letztes Jahr in einen Jungen verliebt war. Für Elias bricht eine Welt zusammen - oder besser: eine neue auf. Plötzlich spürt er Gefühle, die er nicht einordnen kann. Und weil er Angst vor den Reaktionen seiner Mitschüler hat, fängt er an zu lügen, sich zu verstecken - und Alexander wegzustoßen. Erst ein Gespräch mit seinem trauernden Großvater Fred macht ihm klar: Liebe ist zu kostbar, um sie aus Angst wegzuwerfen.

Endlich eine queere Story, die nicht im Elend endet

Das Besondere an Young Hearts ist seine Haltung. Während Filme wie Close von Lukas Dhont (ebenfalls Belgien, ebenfalls zwei Jungs auf dem Land) das Trauma ins Zentrum stellen, wählt Schatteman bewusst einen anderen Weg: Ja, Elias hat Angst. Ja, es gibt homophobe Sprüche auf dem Schulhof. Aber die Erwachsenen um ihn herum - seine Eltern, sein Opa, sogar sein Vater, der als Schlagersänger eher egozentrisch wirkt - sind erstaunlich verständnisvoll. Es gibt keine Katastrophe, keine Gewaltexzesse, keinen Suizid. Stattdessen: ein 14-Jähriger, der lernen muss, zu sich selbst zu stehen. Und das ist radikal genug.

Schatteman hat den Film nach eigener Aussage sehr persönlich konzipiert - er drehte an Orten seiner Kindheit und verarbeitete eigene Erfahrungen. Das merkt man: Young Hearts hat eine Wärme und Nahbarkeit, die vielen queeren Jugendfilmen fehlt. Gleichzeitig wirkt der Film manchmal zu glatt. Manche Kritiker bemängelten, dass Konflikte zu schnell aufgelöst werden, dass das Happy End etwas zu sehr Wunschdenken ist. Fair enough - aber gerade für jüngere Zuschauer (ab 12 empfohlen) ist diese Hoffnung Gold wert.

Lou Goossens trägt den Film auf seinen Schultern

Das Casting ist ein Glücksgriff. Lou Goossens, der Elias spielt, stand vorher noch nie vor der Kamera - und liefert trotzdem eine Performance ab, die viele erfahrene Schauspieler alt aussehen lässt. Über 1.500 Jungs haben vorgesprochen; Goossens wurde ausgewählt, weil er Elias' inneren Aufruhr ohne große Worte transportieren kann. Sein Gesicht erzählt mehr als jeder Dialog. Marius De Saeger als Alexander ist sein perfektes Gegenstück: entspannt, offen, aber auch verletzlich, wenn Elias ihn zurückweist. Die Chemie zwischen den beiden ist echt - kein Wunder, die Regie hat bewusst darauf geachtet, dass die Jungs sich im echten Leben gut verstehen.

Auch Geert Van Rampelberg (als Elias' Vater Luk) und Dirk van Dijck (als Großvater Fred) liefern solide ab. Besonders die Szene zwischen Elias und Fred - in der der Opa von seiner verstorbenen Frau erzählt und Elias begreift, was echte Liebe bedeutet - ist emotional auf den Punkt.

Wo du den Film sehen kannst

In Deutschland lief Young Hearts im Januar 2025 im Kino - mit etwas Glück läuft er noch in ausgewählten Programmkinos. Ansonsten streamst du ihn über den Queer Cinema Amazon Channel in der Flat, oder leihst bzw. kaufst ihn bei Apple TV und Amazon Video. In Österreich ist die Verfügbarkeit identisch. Schweizer schauen leider in die Röhre - hier gibt's aktuell keine offizielle Streaming-Option, aber das kann sich noch ändern.

Lohnt sich Young Hearts für dich?

Wenn du auf der Suche nach einem queeren Coming-of-Age-Film bist, der dich nicht komplett fertigmacht, dann ja, absolut. Young Hearts ist kein Meisterwerk - die Handlung ist stellenweise vorhersehbar, das Dorf wirkt fast schon utopisch tolerant, und der Score aus sanften Klavierakkorden kann nerven. Aber: Der Film hat Herz. Er nimmt junge queere Menschen ernst, ohne sie zu Märtyrern zu machen. Er zeigt, dass erste Liebe kompliziert ist - egal, wen du liebst. Und er traut sich, ein Happy End zu erzählen, ohne zynisch zu werden.

Für alle zwischen 16 und 25, die gerade selbst in der Phase „Was fühle ich eigentlich?" stecken, ist der Film ein warmer Reminder: Du bist nicht allein, und es wird gut. Für alle anderen: ein sanfter, ehrlicher Film über das Erwachsenwerden, der ohne große Twist-Mechanik auskommt - und gerade deshalb funktioniert.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (© Salzgeber & Co. Medien / jeweiliger Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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