Mittwochmorgen, 9 Uhr, Stuhlkreis im Klassenzimmer. 28 Schüler:innen, erwartungsvolle Gesichter, Getuschel. Vorne stehen keine Lehrer, sondern Mica und Dominik, beide Anfang 20, beide Studierende. Auf dem Stundenplan steht heute: sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Ein Thema, das in vielen Schulen immer noch zu kurz kommt - oder komplett fehlt.
Mica erinnert sich noch gut an ihre eigene Schulzeit: „Wir hatten eine Biostunde zu Homosexualität. Aber meine Mitschüler:innen haben nur Klischeefragen gestellt: Sind alle Lesben hässlich? Haben alle Schwulen AIDS?" Als sie merkte, dass sie auf Mädchen steht, hätte sie gern ernsthaft mehr erfahren. Dafür war kein Raum. Nach ihrem Coming-out mit 13 wurde sie nicht nur ausgegrenzt, sondern körperlich angegriffen.
Warum Lehrer:innen oft überfordert sind
Solche Erfahrungen machen noch immer viele queere Jugendliche - auch 2026, auch in Großstädten. Genau deshalb gibt es Projekte wie „Wissen ist Respekt" in Köln oder ähnliche Peer-Education-Angebote in Wien, Berlin und Zürich. Junge queere Menschen gehen ehrenamtlich in Schulklassen und beantworten Fragen, die Lehrer:innen oft nicht stellen können oder wollen.
Die Gründe dafür sind vielfältig: Manche Lehrer:innen haben Angst, selbst für schwul oder lesbisch gehalten zu werden. Andere haben schlicht Wissenslücken beim Thema Trans*-Identitäten oder nicht-binäre Geschlechter. Wieder andere fürchten Elternbeschwerden. Peer-Projekte setzen genau dort an - mit jungen Menschen, die authentisch aus ihrem Leben erzählen können und methodisch geschult sind.
Wie Aufklärung auf Augenhöhe abläuft
Mica und Dominik starten mit Begriffserklärungen: Was bedeutet Coming-out? Was ist der Unterschied zwischen trans* und Drag? Dann kommt der interaktive Teil: Auf Kärtchen stehen Fragen, die Schüler:innen ziehen und beantworten sollen. „Wie würdest du reagieren, wenn sich ein Mitschüler des gleichen Geschlechts in dich verliebt?" Erst Schock, dann Nachdenken. Argumente werden ausgetauscht, Widerspruch, Ergänzung. Dann die Erkenntnis: Das sind auch nur Gefühle. Warum sollte man jemanden dafür verurteilen?
„Die Schüler:innen sind meistens offen und respektvoll", sagt Dominik. „Aber es gibt fast immer ein bis zwei, die skeptisch oder ablehnend sind." Genau diese will das Team erreichen - genauso wie jene, die vielleicht selbst bald ein Coming-out haben werden.
Das Coming-out vor der Klasse
Kurz vor Ende folgt der emotionalste Moment: Mica und Dominik outen sich vor der Klasse. Danach beantworten sie anonyme Fragen von Zetteln. Wie habt ihr gemerkt, dass ihr queer seid? Wie haben eure Eltern reagiert? Wie funktioniert eigentlich Sex zwischen zwei Frauen? Die Fragen sind direkt, manchmal intim.
„Man muss schon gefestigt sein, um sich mehrmals im Monat vor fremden Klassen zu outen", sagt Dominik. „Aber gerade beim Plaudern aus dem Nähkästchen können wir am glaubhaftesten vermitteln, dass es hier nur um menschliche Gefühle geht - nicht um etwas ‚Perverses'."
Was so ein Vormittag wirklich bewirkt
Mica und Dominik wissen: Sie können nicht alle Vorurteile an einem Vormittag auflösen. Aber sie regen zum Nachdenken an. „Ich bin überzeugt, dass Aufklärung nachhaltig wirkt", sagt Mica. Und rückblickend auf ihre eigene Schulzeit: „Für mich wäre es damals toll gewesen, so jemanden wie uns zu haben."
Wenn du selbst Interesse hast, in deiner Stadt Aufklärungsarbeit zu machen: Viele queere Jugendzentren und LGBTQ-Organisationen bieten Peer-Education-Programme an - in Deutschland etwa über Schlau-Netzwerke, in Österreich über Einrichtungen wie die Homosexuelle Initiative (HOSI) oder das Jugendprojekt Türkis Rosa Lila Villa in Wien, in der Schweiz über Jugendorganisationen wie du-bist-du.ch. Die methodische Vorbereitung ist meistens kostenlos, und du entscheidest selbst, wie viel du von dir preisgibst.
