Vielleicht kennst du das: Alle reden über Sex, Grindr läuft heiß, und du sitzt da und fragst dich, warum dich das alles nicht wirklich interessiert. Du findest Männer toll, würdest gern kuscheln, dich verlieben - aber Sex? Naja. Oder auch gar nicht. Dann bist du vielleicht asexuell. Und nein, das ist keine Phase und auch nichts, wofür du dich rechtfertigen musst.
Was Asexualität bedeutet - und was nicht
Asexualität bedeutet, dass du keine oder kaum sexuelle Anziehung zu anderen Menschen verspürst. Das heißt nicht, dass du keine romantischen Gefühle hast. Du kannst dich in Männer verlieben, mit ihnen zusammen sein wollen, Nähe suchen - nur eben ohne den Wunsch nach Sex. Deshalb kann man auch schwul und asexuell sein: Du fühlst romantische Anziehung zu deinem eigenen Geschlecht, aber sexuelle Anziehung spielt dabei keine oder eine untergeordnete Rolle.
Wichtig: Asexualität ist keine sexuelle Funktionsstörung, keine Krankheit und auch keine bewusste Entscheidung zur Enthaltsamkeit. Es ist eine sexuelle Orientierung - genauso valide wie Hetero-, Homo- oder Bisexualität. Manche asexuelle Menschen masturbieren trotzdem, andere überhaupt nicht. Manche haben aus Liebe oder Pragmatismus Sex mit ihren Partner*innen, andere nicht. Das Spektrum ist breit.
In der Community werden oft Abkürzungen wie „Ace" (für asexuell) oder „Aro" (für aromantisch - also kein Interesse an romantischen Beziehungen) verwendet. Es gibt auch „Grey-Ace" (sexuelle Anziehung tritt sehr selten auf) oder „Demisexuell" (sexuelle Anziehung entsteht erst durch starke emotionale Bindung). Falls du dich in keinem Label so richtig wiederfindest: auch das ist okay. Sexualität ist komplex, und nicht jeder Mensch passt perfekt in eine Schublade.
Asexuell in einer übersexualisierten Welt
Unsere Gesellschaft ist ziemlich fixiert auf Sex. In Filmen, Werbung, Dating-Apps - überall wird suggeriert, dass ein erfülltes Leben ohne Sex nicht möglich ist. Für asexuelle Menschen kann das enormen Druck erzeugen. Viele hören Sätze wie „Du hast nur noch nicht die richtige Person getroffen" oder „Das ist doch nur eine Phase". Solche Aussagen sind nicht nur nervig, sondern auch verletzend.
Auch innerhalb der LGBTIQ-Community erleben asexuelle Menschen manchmal Ausgrenzung. Queere Identität wird oft stark über Sexualität definiert - und wer keine sexuelle Anziehung verspürt, wird manchmal nicht als „queer genug" wahrgenommen. Doch Asexualität gehört zur queeren Community. Wer keine sexuelle Anziehung empfindet, gehört zu einer sexuellen Minderheit - und hat genauso ein Recht auf Sichtbarkeit und Anerkennung.
Dating und Beziehungen als asexueller schwuler Mann
Beziehungen zu führen, kann für asexuelle Menschen eine Herausforderung sein - vor allem, wenn der Partner sexuell ist. Das bedeutet aber nicht, dass es unmöglich ist. Der Schlüssel liegt in offener Kommunikation. Wenn du merkst, dass dir jemand wichtig wird, sprich früh über deine Asexualität. Das erspart beiden Seiten Missverständnisse und Verletzungen.
Manche asexuelle Menschen führen Beziehungen mit anderen Aces, andere mit sexuellen Partnern. Letzteres erfordert Kompromisse - auf beiden Seiten. Manche asexuelle Menschen sind okay damit, gelegentlich Sex zu haben, wenn es für den Partner wichtig ist. Andere vereinbaren offene Beziehungen oder finden andere Wege, Intimität zu leben. Was funktioniert, entscheidest du und dein Partner - nicht irgendwelche Normen.
Wichtig ist, dass du deine Grenzen kennst und kommunizierst. Wenn Sex für dich wirklich nicht in Frage kommt, dann ist das so. Niemand sollte sich zu etwas zwingen, das er nicht möchte. Eine Beziehung, in der deine Bedürfnisse dauerhaft übergangen werden, ist keine gute Beziehung.
Community finden und sich austauschen
Es gibt andere Menschen wie dich. In Österreich vertritt AceAro.at die asexuelle und aromantische Community. In Deutschland ist AktivistA eine wichtige Anlaufstelle. Auch die COURAGE Beratungsstellen in Wien, Graz, Linz und anderen Städten bieten Beratung und Community-Abende speziell für asexuelle und aromantische Menschen. Dort kannst du dich austauschen, Fragen stellen und andere Aces kennenlernen.
Online gibt es Foren wie AVEN Deutschland (Asexual Visibility and Education Network) und den Discord-Server Aspec*German, wo du dich mit anderen austauschen kannst. Am 6. April ist jedes Jahr der International Asexuality Day - ein guter Anlass, um Sichtbarkeit zu schaffen und zu feiern, dass Asexualität Teil der queeren Vielfalt ist.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du denkst, dass du asexuell sein könntest: Gib dir Zeit, dich selbst zu verstehen. Sexualität ist fluide, und Labels können sich ändern - oder auch nicht. Es gibt keinen Druck, dich sofort zu labeln oder dich für immer festzulegen. Wichtig ist, dass du ehrlich zu dir selbst bist und dich nicht verstellst, um anderen zu gefallen.
Falls du Unterstützung brauchst oder einfach jemanden zum Reden suchst:
- COURAGE Beratungsstellen (Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck, Eisenstadt, Klagenfurt): Kostenlose und anonyme Beratung zu sexuellen Orientierungen, Beziehungen und Coming-out. Website: www.courage-beratung.at
- AceAro.at: Vertretung der A-Spec Community in Österreich. Website: www.acearo.at
- AVEN Deutschland: Großes deutschsprachiges Forum für asexuelle Menschen. Website: www.asexuality.org/de
- AktivistA (Deutschland): Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums. Website: aktivista.net
Du bist nicht allein, du bist nicht kaputt, und du bist nicht „falsch". Asexualität ist eine von vielen Arten, Beziehungen und Intimität zu leben. Und sie ist genauso Teil der queeren Community wie alles andere.
