Die Frage, die viele beschäftigt
„Bin ich bi oder schwul?" - diese Frage stellen sich viele Jugendliche, und sie ist keine, die sich einfach mit einem Ja oder Nein beantworten lässt. Sexualität ist kein An-/Aus-Schalter. Sie ist ein Spektrum, und du befindest dich irgendwo auf diesem Spektrum - vielleicht an einem ganz klaren Punkt, vielleicht an einem, der sich noch im Wandel befindet. Das ist vollkommen in Ordnung.
Viele Jungs, die sich später als schwul identifizieren, haben eine Phase, in der sie sich fragen ob sie vielleicht bisexuell sind. Und viele Jungs, die bisexuell sind, fragen sich, ob sie nicht doch eher auf eine Seite tendieren. Keine dieser Erfahrungen ist falsch oder ein Zeichen von Verwirrung - sie sind ein Zeichen von Selbstreflexion.
Was bedeutet eigentlich „bisexuell"?
Bisexuell zu sein bedeutet, sich romantisch oder sexuell zu mehr als einem Geschlecht hingezogen zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass du beide Geschlechter gleich stark magst. Es bedeutet nicht, dass du dich nicht entscheiden kannst. Es bedeutet nicht, dass du untreu sein wirst. Es bedeutet einfach: Du empfindest Anziehung, die nicht auf ein Geschlecht beschränkt ist.
Schwul zu sein bedeutet, dass du dich als Mann ausschließlich oder überwiegend zu anderen Männern hingezogen fühlst - romantisch, sexuell oder beides. Auch hier gibt es ein Spektrum: Manche fühlen sich zu 100% nur zu Männern hingezogen, andere vielleicht zu 90%. Das sind alles valide Erfahrungen.
Woher weiß ich, was auf mich zutrifft?
Die ehrliche Antwort: Oft weiß man es nicht sofort - und das ist normal. Manche Menschen merken schon früh, dass sie ausschließlich auf Männer stehen. Andere haben Jahrelang das Gefühl, dass sie zu beiden Geschlechtern eine Verbindung spüren. Wieder andere beginnen sich als bisexuell zu identifizieren und stellen später fest, dass sie doch eher schwul sind - oder umgekehrt.
Ein paar Fragen, die dir helfen können, klarer zu sehen: Wenn du dir einen romantischen Partner vorstellst - wen siehst du? Wenn du dir überlegst, mit wem du eine Beziehung haben möchtest - wen siehst du da? Romantische Anziehung und sexuelle Anziehung können sich manchmal unterscheiden, und es lohnt sich, beide getrennt zu betrachten.
Labels helfen - müssen aber nicht sein
Labels wie „schwul" oder „bisexuell" können hilfreich sein: Sie geben uns Sprache, um unsere Erfahrungen zu beschreiben, und sie verbinden uns mit Gemeinschaften, die ähnliches fühlen. Aber Labels können auch einengen, wenn man sie zu früh annimmt oder wenn sie nicht ganz passen.
Du musst dich heute nicht festlegen. Du kannst sagen: „Ich weiß es noch nicht genau." Das ist eine vollständig gültige Antwort auf die Frage nach deiner Sexualität. Die Identität, die für dich passt, wird kommen - wenn du bereit bist, und wenn du die Erfahrungen gesammelt hast, die dir mehr Klarheit geben.
Der Druck von außen
Manchmal kommt der Druck, sich festzulegen, von außen. Freunde, Familie oder die LGBTQ+-Community selbst können es manchmal - gut gemeint - eilig haben, dir zu helfen, eine Schublade zu finden. Lass dich davon nicht unter Druck setzen. Deine Identität gehört dir, und du bestimmst, wann und wie du sie benennst.
Es gibt auch Menschen, die versuchen, bisexuelle Identitäten kleinzureden: „Du bist doch eigentlich schwul, du versteckst dich nur" oder „Bisexualität gibt es nicht wirklich." Das ist Unsinn. Bisexualität ist real, gut dokumentiert und eine vollwertige sexuelle Identität.
Was ist mit Pansexualität und anderen Identitäten?
Neben schwul und bisexuell gibt es noch weitere Identitäten, die für manche Menschen besser passen: Pansexuell (Anziehung unabhängig vom Geschlecht), queer (ein bewusst offener Begriff), oder auch einfach „unsicher". All das ist gültig. Du musst dich nicht zwischen genau zwei Optionen entscheiden.
Wie gehst du damit um, solange du noch unsicher bist?
Erstens: Lass dir Zeit. Zweitens: Sprich mit jemandem, dem du vertraust - idealerweise jemandem, der selbst queere Erfahrungen hat oder zumindest offen und unterstützend ist. Drittens: Informiere dich. Bücher, Videos und Communities wie justboys.at können dir helfen, die Erfahrungen anderer kennenzulernen und damit vielleicht auch deine eigenen besser einzuordnen.
Und viertens: Sei freundlich mit dir selbst. Das Herausfinden der eigenen Identität ist ein Prozess, kein Test, den du bestehen oder nicht bestehen kannst. Jede Erkenntnis, die du auf diesem Weg sammelst, ist wertvoll - auch wenn sie später revidiert wird.
Du bist mehr als ein Label
Am Ende ist deine sexuelle Identität nur ein Teil von dem, wer du bist. Ob du dich als schwul, bisexuell, pansexuell oder noch etwas anderes bezeichnest oder noch gar nicht - du bist eine vollständige Person mit Wünschen, Träumen, Stärken und einer Geschichte. Die Frage nach dem Label ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Was viel wichtiger ist: Dass du dich selbst respektierst und lernst, wer du bist - in deinem eigenen Tempo, auf deine eigene Weise.
Ein letzter Gedanke
Wenn du gerade mitten in der Frage steckst, ob du bi oder schwul bist, dann sei dir bewusst: Die Tatsache, dass du dir diese Frage stellst, zeigt bereits, dass du ehrlich mit dir selbst bist. Das ist keine Kleinigkeit. Viele Menschen schaffen es nie, so ehrlich mit sich zu sein. Der Weg der Selbsterkenntnis ist manchmal mühsam, aber er führt irgendwann zu einem Ort, an dem du dir selbst näherbist als je zuvor. Und das ist es wert.
