Bisexualität - Warum "doppelte Chancen" ein Klischee sind

Du fühlst dich zu mehreren Geschlechtern hingezogen? Dann gehörst du zu einer Gruppe, die besonders oft mit Vorurteilen und Unsichtbarkeit zu kämpfen hat. Über ein Coming-out, das oft von beiden Seiten in Frage gestellt wird.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

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„Bist du jetzt schwul oder was?" - „Vielleicht bist du einfach verwirrt." - „Du hast doch doppelt so viele Chancen!" Solche Sprüche hören bisexuelle Menschen ständig. Von Heteros, aber auch aus der schwulen Community. Bisexualität wird häufig nicht ernst genommen, als Phase abgetan oder komplett ignoriert. Dabei sind bi- und pansexuelle Menschen ein großer Teil der queeren Community.

Was Bisexualität eigentlich bedeutet

Bisexualität bedeutet, dass du dich emotional und/oder sexuell zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlst. Das kann gleichzeitig sein, oder in unterschiedlichen Lebensphasen stärker ausgeprägt. Manche fühlen sich zu Männern und Frauen hingezogen, andere zu Menschen unabhängig von deren Geschlecht - dann spricht man oft auch von Pansexualität. Die Grenzen sind fließend, und am Ende zählt nur, womit du dich selbst wohlfühlst.

Wichtig: Deine sexuelle Orientierung hängt nicht davon ab, mit wem du gerade zusammen bist. Auch wenn du in einer Beziehung mit einem Mann lebst, bist du nicht plötzlich schwul - du bist bisexuell. Und auch dann, wenn du noch nie Sex mit einem bestimmten Geschlecht hattest, kannst du wissen, dass du bi bist. Genauso wie schwule Jungs nicht erst "beweisen" müssen, dass sie schwul sind.

Das Problem mit der Unsichtbarkeit

Ein großes Problem für bisexuelle Menschen ist, dass ihre Orientierung oft unsichtbar gemacht wird. Laut dem dritten LGBTI-Survey der EU-Grundrechteagentur aus dem Jahr 2024 waren rund 22 Prozent der befragten queeren Menschen in Deutschland bisexuell und etwa 15 Prozent pansexuell - zusammen also mehr als ein Drittel. Trotzdem werden sie in vielen Diskussionen über queere Rechte oder Community-Themen übersehen.

In heterosexuellen Kreisen werden Bisexuelle oft nicht als „richtig queer" wahrgenommen, vor allem wenn sie gerade in einer verschiedengeschlechtlichen Beziehung leben. In der schwulen Community hingegen gibt es das Vorurteil, Bisexuelle seien eigentlich schwul, würden es sich aber nicht eingestehen wollen. Beides ist verletzend und ignoriert die tatsächliche Identität.

Diskriminierung von zwei Seiten

Bisexuelle Menschen erleben ähnlich häufig Diskriminierung und Gewalt wie schwule Männer oder lesbische Frauen: 16 Prozent der queeren Menschen in Deutschland haben in den fünf Jahren vor 2024 physische oder sexuelle Gewalt erfahren, 57 Prozent wurden im Jahr vor der Umfrage belästigt. Hinzu kommt: Bisexuelle erfahren oft Ablehnung aus beiden Richtungen - von heterosexuellen Menschen wegen ihrer queeren Seite, von manchen Schwulen und Lesben wegen ihrer Anziehung zu anderen Geschlechtern.

Das zeigt sich auch beim Coming-out. Während schwule Männer oft Unterstützung in der queeren Community finden, erleben Bisexuelle dort manchmal Skepsis oder sogar Zurückweisung. Typische Vorurteile: „Du willst nur Aufmerksamkeit", „Du kannst dich nicht entscheiden", „Bisexuelle sind untreu". All das ist Unsinn - und trotzdem hält es sich hartnäckig.

Der Mythos von den "doppelten Chancen"

„Bisexuelle haben es doch leichter, die haben doppelt so viele Möglichkeiten!" Das ist einer der häufigsten Sprüche - und gleichzeitig einer der nervigsten. Denn erstens funktioniert Anziehung nicht nach einer simplen Rechnung. Nur weil du theoretisch mehr Menschen attraktiv finden könntest, heißt das nicht, dass automatisch mehr Menschen dich attraktiv finden oder dass Dating einfacher wird.

Zweitens ignoriert der Spruch komplett die Realität: Viele bisexuelle Menschen haben Schwierigkeiten, überhaupt offen über ihre Orientierung zu sprechen - aus Angst vor Ablehnung, Vorurteilen oder dass sie nicht ernst genommen werden. Gerade beim Dating kann es anstrengend sein, sich ständig erklären oder rechtfertigen zu müssen. Und drittens: Mehr potenzielle Partner*innen bedeuten auch mehr Situationen, in denen du dich outen musst - oder bewusst entscheiden musst, es nicht zu tun.

Wenn du selbst bi bist: Du bist nicht allein

Falls du gerade merkst, dass du dich zu mehreren Geschlechtern hingezogen fühlst, und unsicher bist, wie du damit umgehen sollst: Das ist völlig okay. Ein Coming-out muss nicht sofort passieren, und du musst dich auch nicht unter Druck setzen lassen, dich zu „entscheiden". Deine Gefühle sind real und gültig - egal, wie andere darauf reagieren.

Hilfreich kann es sein, dich mit anderen bisexuellen oder pansexuellen Menschen auszutauschen. Es gibt mittlerweile viele Online-Communities, aber auch Beratungsstellen, die speziell bei Fragen rund um sexuelle Orientierung unterstützen:

  • COURAGE-Beratungsstellen in Wien, Graz, Linz und Salzburg - spezialisiert auf LGBTIQ-Themen, auch für Bisexuelle: courage-beratung.at
  • du-bist-du.ch in der Schweiz - Peer-Beratung von jungen queeren Menschen für junge queere Menschen
  • Männerberatung Wien - LGBTIQ-Beratung unter [email protected] oder 01 603 28 28
  • RosaLila PantherInnen in Graz - Coming-out-Beratung und Austausch: [email protected]
  • Telefonseelsorge - anonym und kostenlos unter 0800 111 0 111 (Deutschland) oder 142 (Österreich)

Du musst dich niemandem beweisen. Deine Orientierung ist legitim, egal wie oft sich andere daran stören oder sie in Frage stellen. Und falls du auf Ablehnung stößt - ob von Familie, Freund*innen oder aus der Community -, dann liegt das Problem bei denen, nicht bei dir.

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