Christophe Honoré ist kein Regisseur, der es dir leicht macht. In „Der Gymnasiast" (Originaltitel: „Le Lycéen") wirft er dich mitten ins Leben von Lucas, 17, schwul, gerade frisch mit seinem ersten Freund Oscar zusammen, und dann stirbt sein Vater. Ein Unfall. Vielleicht Suizid. Die Frage bleibt offen, und genau diese Unschärfe zieht sich durch den ganzen Film.
Ein Junge zwischen Provinz, Paris und dem großen Nichts
Lucas (Paul Kircher) hält es nicht mehr aus im Internat, nicht in der Provinz, nicht bei seiner Mutter Isabelle (Juliette Binoche), die selbst zu zerbrochen ist, um ihn aufzufangen. Also packt er seine Tasche und fährt zu seinem großen Bruder Quentin (Vincent Lacoste) nach Paris. Eine Woche wohnt er bei ihm und dessen Mitbewohner Lilio (Erwan Kepoa Falé). Was folgt, sind sieben Tage, in denen Lucas versucht, mit dem Verlust klarzukommen, sich in der queeren Szene zurechtzufinden und herauszufinden, ob Liebe und Begehren überhaupt noch Platz haben, wenn alles in dir tot ist.
Ehrliche queere Darstellung ohne Glitzer und Happy End
Honoré kennt die queere Community, er inszeniert sie ohne Exotik und ohne Lehrplan. Lucas' Coming-out ist längst passiert, sein Freund Oscar ist da, niemand hat ein Problem damit. Stattdessen geht es um das, was danach kommt: um Sex, der nichts heilt, um Partys, die die Leere nicht füllen, um einen Kuss mit Lilio, der mehr Verwirrung als Trost bringt. Der Film zeigt queere Jugend nicht als Befreiungsgeschichte, sondern als ganz normales, kompliziertes Leben. Das ist selten und wertvoll, aber auch anstrengend. Honoré lässt Lucas straucheln, macht ihn nicht zum strahlenden Helden. Manche werden das als deprimierend empfinden, andere als endlich ehrlich.
Hinter der Kamera steht mit Christophe Honoré ein offen schwuler Filmemacher, der seit Jahrzehnten queere Geschichten erzählt („Les Chansons d'amour", „Plaire, aimer et courir vite"). Er spielt im Film sogar selbst eine kleine Rolle: Claude, Lucas' Onkel. Das gibt dem Ganzen eine sehr persönliche Note, manchmal fast zu persönlich. Der Film fühlt sich an wie ein Tagebuch, das du vielleicht gar nicht lesen solltest.
Paul Kircher trägt den Film auf schmalen Schultern
Paul Kircher ist eine Entdeckung. Er spielt Lucas mit einer Mischung aus trotziger Verletzlichkeit und stummer Wut, die dich nicht mehr loslässt. Neben ihm hält Juliette Binoche als Mutter die Spannung, ohne viel zu sagen. Ihre Szenen sind kurz, aber sie brennen sich ein. Vincent Lacoste gibt Quentin eine leise Verzweiflung, weil auch er nicht weiß, wie er seinem kleinen Bruder helfen soll. Erwan Kepoa Falé als Lilio bringt eine queere Leichtigkeit ins Spiel, die im Kontrast zu Lucas' Schwere steht, ohne aufgesetzt zu wirken.
Wo du ihn sehen kannst
„Der Gymnasiast" läuft nicht im Abo-Streaming, aber du kannst ihn in Deutschland bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies und YouTube leihen oder kaufen. In Österreich ist er ebenfalls bei Amazon Video, Apple TV und Google Play verfügbar. Kino-Termine gab es 2022/2023, aktuell läuft er nicht mehr auf der großen Leinwand.
Für wen lohnt sich dieser Film wirklich?
„Der Gymnasiast" ist kein Feel-Good-Movie. Er ist langsam, manchmal sperrig, und er bietet keine Antworten. Wenn du nach einer leichten queeren Komödie suchst oder nach einem Film, der dich aufbaut, bist du hier falsch. Aber wenn du Lust auf ein ehrliches, ungeschminktes Porträt hast, das queere Jugend nicht verklärt, sondern zeigt, wie sie wirklich sein kann, chaotisch, traurig, schön, dann ist das dein Film.
Christophe Honoré traut sich, Lucas nicht zu retten. Er lässt ihn im Schmerz stehen, und genau das macht den Film mutig. Paul Kircher spielt das so intensiv, dass es wehtut. Der Film ist keine leichte Kost, aber er ist echt. Und manchmal braucht es genau das.




