Du wirst 18, 20, 25 - und irgendwie fühlt sich das Erwachsenwerden anders an, als du es dir vorgestellt hast. Nicht nur, weil du plötzlich Steuererklärungen machen und Versicherungen vergleichen sollst. Sondern weil du gleichzeitig noch herausfinden musst, wer du eigentlich bist, wen du liebst und wie du damit umgehst, dass nicht jeder das gut findet. Während deine hetero-Freunde einfach Beziehungen haben, musst du erklären, warum du keine Freundin hast - oder dich verstecken.
Die doppelte Aufgabe: Erwachsen werden plus Coming-out
Alle Jugendlichen müssen sich von den Eltern abnabeln, eine eigene Identität entwickeln, Freundschaften pflegen, berufliche Entscheidungen treffen. Das ist normal. Was für schwule und bisexuelle Männer dazukommt: Du musst dir erst einmal über deine eigene sexuelle Orientierung klar werden - und dann entscheiden, wem du das erzählst, wann und wie.
Das innere Coming-out, also der Moment, in dem du dir selbst eingestehst, dass du schwul oder bi bist, ist nur der erste Schritt. Danach folgt das äußere Coming-out: bei Freunden, Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz. Und jedes Mal ist es ein Risiko. Jedes Mal musst du abwägen: Ist es hier sicher? Werde ich akzeptiert? Oder mache ich mich angreifbar?
Diese ständige Wachsamkeit kostet Kraft. Sie bedeutet, dass du dich in einer Welt zurechtfinden musst, die immer noch stark von heterosexuellen Normen geprägt ist - auch wenn sich in den letzten Jahren viel verbessert hat.
Niemand hat dir gesagt, dass es einsam werden kann
In der Schule, in der Ausbildung, im Studium: Überall um dich herum sind Menschen, die scheinbar mühelos Beziehungen eingehen, über ihre Dates reden, Händchen halten. Du hingegen musst erst einmal andere queere Menschen finden. Und das ist nicht immer einfach, vor allem wenn du nicht in einer Großstadt lebst.
Viele schwule und bi Männer erleben in ihrer Jugend und im jungen Erwachsenenalter Phasen der Isolation. Du fühlst dich anders, kannst nicht offen über deine Gefühle sprechen, hast vielleicht Angst vor Ablehnung oder Mobbing. Das kann auf die psychische Gesundheit schlagen - und das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine logische Reaktion auf eine belastende Situation.
Wichtig ist: Du bist nicht allein. Es gibt andere, die dasselbe durchmachen. Und es gibt Orte und Menschen, die dich unterstützen können.
Rollenbilder, die nicht passen wollen
Erwachsenwerden bedeutet auch, herauszufinden, was für ein Mann du sein willst. Nur: Die Vorbilder, die dir die Gesellschaft anbietet, passen oft nicht. Der "richtige Mann" soll stark sein, keine Gefühle zeigen, Frauen begehren. Wenn du schwul oder bi bist, funktioniert dieses Skript nicht mehr.
Vielleicht hast du das Gefühl, nicht männlich genug zu sein. Oder du stehst unter Druck, dich in der queeren Community auf eine bestimmte Weise zu präsentieren. Auch innerhalb der Community gibt es Erwartungen, Schubladen, manchmal auch Ausgrenzung - etwa wenn du nicht dem gängigen Bild entsprichst, nicht "männlich genug" oder nicht "gay genug" wirkst.
Die gute Nachricht: Du darfst sein, wer du bist. Erwachsenwerden heißt auch, dir selbst die Erlaubnis zu geben, deinen eigenen Weg zu gehen - unabhängig davon, was andere erwarten.
Was dir helfen kann: Community und Unterstützung
Du musst das nicht alleine durchstehen. Es gibt Anlaufstellen, Beratungsangebote und queere Jugendgruppen, in denen du andere kennenlernen und dich austauschen kannst:
- Queer Lexikon (queer-lexikon.net) bietet eine interaktive Karte mit queeren Jugendgruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz - plus Glossar, Chat und Beratung.
- COURAGE-Beratungsstellen (courage-beratung.at) in Österreich: Kostenlose Beratung zu Coming-out, Identität, Beziehungen und mehr. Standorte in Wien, Linz, Graz.
- WIENXTRA-Jugendinfo Young & Queer (wienxtra.at): Beratung für Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre in Wien, jeden zweiten Dienstag im Monat.
- du-bist-du.ch: Peer-Beratung durch junge schwule, lesbische, bi und queere Menschen in der Deutschschweiz - per E-Mail oder persönlich.
- HOSI Wien (hosiwien.at): Größte LGBTIQ-Interessenvertretung Österreichs, mit Beratung, Events und der Jugendschiene Queer Youth Vienna (QYVIE) für unter 28-Jährige.
- Telefonseelsorge (Deutschland: 0800-1110111 oder 0800-1110222, Österreich: 142, Schweiz: 143): Anonym und kostenlos, rund um die Uhr, wenn es dir schlecht geht.
Wenn du dich in einer akuten Krise befindest, Suizidgedanken hast oder unter massivem Druck stehst: Hol dir professionelle Hilfe. Diese Artikel und Communities können unterstützen, aber sie ersetzen keine Therapie oder psychologische Beratung.
Dein Weg - in deinem Tempo
Erwachsenwerden als schwuler oder bi Mann ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es gibt keine festen Regeln, wann du dich outen musst, wann du deine erste Beziehung haben sollst oder wie du zu leben hast. Manche brauchen Jahre, um sich selbst zu verstehen. Andere sind früh klar und offen. Beides ist okay.
Was zählt: Sei ehrlich zu dir selbst. Suche dir Menschen, die dich so akzeptieren, wie du bist. Und gib dir selbst die Zeit und den Raum, den du brauchst. Erwachsenwerden bedeutet nicht, perfekt zu sein - sondern herauszufinden, wer du sein willst. Und das ist ein Prozess, der nie wirklich endet.
