Wenn du Love, Simon kennst - den Film von 2018, der als erste große Hollywood-Romcom mit schwulem Protagonist gefeiert wurde -, dann weißt du: Simon hatte es vergleichsweise einfach. Weiß, liberal erzogen, wohlhabend. Love, Victor räumt mit diesem rosaroten Bild auf. Die Serie, die 2020 auf Hulu startete und nach drei Staffeln 2022 beendet wurde, erzählt die Geschichte von Victor Salazar - halb puerto-ricanisch, halb kolumbianisch, aus Texas nach Atlanta gezogen, katholisch aufgewachsen. Und schwul. Oder zumindest dabei, das rauszufinden.
Victor Salazar und der steinige Weg zu sich selbst
Victor (Michael Cimino) ist frisch an der Creekwood High School, derselben Schule, die Simon zwei Jahre zuvor zur Legende machte. Zwischen Basketball-Tryouts, neuen Freundschaften und dem Versuch, seine Familie nicht zu enttäuschen, merkt Victor schnell: Seine Gefühle für Benji (George Sear), den offen schwulen Barista aus dem Coffeeshop, sind nicht zu ignorieren. Parallel dazu versucht er, eine Beziehung mit Mia (Rachel Hilson) aufrechtzuerhalten - was unweigerlich schief läuft. Anders als Simon kann Victor nicht einfach bei seinen Eltern rauslaufen und mit Applaus rechnen. Seine Mutter Isabel ringt mit ihrem Glauben, sein Vater schwankt zwischen Liebe und Überforderung. Die Serie zeigt ehrlich: Coming-out ist kein einmaliger Akt mit Happy End - es ist ein Prozess, für alle Beteiligten.
Latinx-Perspektive statt weißer Feel-Good-Bubble
Love, Victor stellte bewusst eine halb-puerto-ricanische, halb-kolumbianische Familie ins Zentrum, um die Schwächen von Love, Simon zu korrigieren. Das ist wichtig - und spürbar. Die Serie adressiert direkt, wie Victors Ethnizität, Religion und queere Identität miteinander kollidieren. Szenen, in denen seine Mutter zwischen Liebe zu ihrem Sohn und religiösen Überzeugungen hin- und hergerissen ist, sind schmerzhaft real. Allerdings: Victors Probleme werden oft von den Storylines seiner heterosexuellen Freunde und Familie überschattet, die Applaus dafür erwarten, "anständig" zu sein. Wenn Love, Victor wirklich die queere Serie sein will, die sie vorgibt zu sein, hätte sie Victors Sexualität konsequenter zentrieren müssen - statt sie immer wieder zur Nebensache zu machen.
Casting-Kontroverse und verpasste Chancen
Michael Cimino spielt Victor mit viel Herz und Verletzlichkeit. Er bereitete sich intensiv vor, indem er mit seinem schwulen Cousin sprach, um die Rolle glaubwürdig zu gestalten. Trotzdem: Sowohl Cimino als auch George Sear (Benji) identifizieren sich als heterosexuell - ein Punkt, der in der Community für Diskussionen sorgte. Es ist eine verpasste Chance, gerade bei einer Serie, die Sichtbarkeit großschreiben will. Ein häufiger Kritikpunkt lautete: "Love, Victor ist eine schwule Show, die für Straight People gemacht wurde". Und ja, das merkt man stellenweise - etwa in Staffel 2, als ein Love Triangle mit Rahim (Anthony Keyvan) künstlich Drama erzeugen sollte, statt Victor und Benji als Paar wirklich wachsen zu lassen.
Wo du es sehen kannst
Alle drei Staffeln von Love, Victor - insgesamt 28 Folgen - laufen aktuell auf Disney Plus in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Serie wurde ursprünglich für Disney+ produziert, landete dann aber wegen "zu erwachsener Themen" bei Hulu in den USA. Auf Disney+ läuft sie hierzulang unter dem "Star"-Label.
Lohnt sich der Binge - oder hätte man's lassen können?
Love, Victor ist keine perfekte Serie. Sie wurde nach drei Staffeln abgesetzt - für viele Fans und Kritiker zu früh, gerade weil queere Inhalte rar sind. Staffel 3 wirkt wie ein verlängerter Epilog, der eher Storylines abschließt, statt neue Konflikte zu entwickeln. Das Finale bringt Victor und Benji zwar zusammen, aber wir bekommen die Idee von "Venji" statt echte, gewachsene Beziehungsmomente - über drei Staffeln sind sie nur etwa fünf Episoden wirklich glücklich zusammen.
Und trotzdem: Wenn du jung, queer und auf der Suche nach einer Serie bist, die nicht nur Regenbogen-Konfetti wirft, sondern ehrlich über familiäre Ablehnung, Machismo, religiöse Schuldgefühle und den Druck spricht, "queer genug" oder "straight genug" zu sein - dann ist Love, Victor wichtig. Victor stellt die zentrale Frage: Was ist die perfekte Menge an Gay, um alle zufriedenzustellen? Zu schwul für Basketball, nicht schwul genug für die queere Szene - wo gehört er hin? Diese Frage ist verdammt real. Gerade für Latinx- oder BiPOC-Kids, die sich in Victors Zerrissenheit wiederfinden, ist die Serie mehr als bloße Unterhaltung.
Fazit: Solide Repräsentation mit Luft nach oben. Kein Must-Watch, aber definitiv sehenswert - gerade wenn du Heartstopper zu soft findest und mehr Realness suchst. Nur erwarte kein perfektes Happy End nach drei Staffeln. Das Leben ist messier. Und Love, Victor auch.
