Vielleicht hast du dir diese Frage auch schon gestellt: Warum soll ich überhaupt jemandem erzählen, dass ich schwul oder bi bin? Ist das nicht meine Privatsache? Warum muss ich mich erklären, während Heteros das nie tun müssen? Die Frage ist absolut berechtigt - und gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was ein Coming-out für dich selbst bedeuten kann.
Was du vorher wissen solltest - die Basics
Bevor du dich outest, hilft es, dir ein paar grundlegende Dinge klarzumachen. Nicht, weil du dich rechtfertigen müsstest, sondern weil du selbst fester stehen kannst, wenn du diese Facts verinnerlicht hast:
- Schwul oder bisexuell zu sein ist weder krank noch pervers. Es ist einfach so, wie es ist - keine Wertung, keine Abweichung, sondern eine von vielen Varianten menschlicher Sexualität.
- Niemand wird zu Homo- oder Bisexualität erzogen. Genauso wenig lässt sich Homosexualität „abtrainieren" oder wegtherapieren. Deine sexuelle Orientierung suchst du dir nicht aus, die hast du. Nach heutigen Erkenntnissen bereits als Kleinkind.
- In Österreich identifizieren sich etwa 6,2 Prozent der Bevölkerung als LGBT. In Deutschland ordneten sich 2016 etwa 7,4 Prozent dem LGBT-Spektrum zu. Du bist also alles andere als allein.
Du bist nicht verpflichtet, dich zu outen
Das Wichtigste zuerst: Es gibt keine Pflicht zum Coming-out. Niemand schuldet der Welt eine Erklärung über die eigene Sexualität. Jeder Mensch hat das Recht, so zu leben und zu lieben, wie es zu einem passt. Wenn du dich gerade nicht bereit fühlst oder die Umstände es nicht zulassen, ist das vollkommen okay. Das Alter und die Dauer des Coming-out sind individuell und können je nach Person stark variieren.
Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass ein Versteckspiel auf Dauer anstrengend sein kann. Wenn du ständig aufpassen musst, was du sagst, wen du anschaust, wie du dich gibst - das kostet Energie. Und genau hier liegt der Kern der Frage: Ein Coming-out ist weniger für „die anderen" als vielmehr für dich selbst.
Was ein Coming-out dir bringen kann
Wenn du dich outest, gewinnst du vor allem eins: Freiheit. Die Freiheit, nicht mehr aufpassen zu müssen. Die Freiheit, ehrlich über dein Leben zu sprechen. Die Freiheit, dich selbst so zu zeigen, wie du bist. Viele berichten, dass sie nach dem Coming-out selbstbewusster werden - weil sie nicht mehr Energie in eine Fassade stecken müssen.
Ja, es kann passieren, dass manche Menschen komisch reagieren oder sich distanzieren. Viele Lesben und Schwule im Coming-out fühlen sich alleine und glauben, dass es etwas Schreckliches ist, lesbisch beziehungsweise schwul zu sein. Aber die Erfahrung zeigt auch: Wer sich von dir abwendet, weil du schwul oder bi bist, war vermutlich keine echte Unterstützung. Im Gegenzug wirst du neue Leute kennenlernen, die dich so nehmen, wie du bist. Dein Freundeskreis mag sich verändern - aber oft wird er ehrlicher und echter.
Hol dir Unterstützung - du musst das nicht allein durchstehen
Vor dir haben sich schon Tausende geoutet. Sie kennen die Angst, die du vielleicht gerade spürst. Sehr hilfreich für Menschen im Coming-out sind sogenannte Coming-out-Gruppen. Das sind Selbsthilfegruppen, in denen man andere Menschen in der gleichen Lebenssituation niederschwellig kennenlernen kann. Der Austausch mit anderen schwulen oder bisexuellen Männern kann extrem entlastend sein.
Es gibt im deutschsprachigen Raum zahlreiche Beratungsstellen, die kostenlos und oft anonym helfen:
- RosaLila PantherInnen (Österreich): Kostenlose Beratungen auf Anfrage zu Coming Out, Rechtsinformation, der queeren Szene oder dem Familienleben. Kontakt: [email protected]
- Männerberatung Wien - LGBTIQ+ Beratung: Kontakt über [email protected] oder 016032828.
- Stadt Wien - Coming-out-Beratung: Infos und Anlaufstellen unter wien.gv.at/menschen/queer
- LIEBESLEBEN (Deutschland): Beratungsstellen und Jugendgruppen für schwule, lesbische, bi- und pansexuelle sowie asexuelle Jugendliche. Hier wirst du sicherlich Unterstützung finden.
Auch online gibt es viele Räume, in denen du dich austauschen kannst - sei es in Foren, auf Social Media oder in Apps wie justboys.
Wann und wie du dich outest, entscheidest du
Oute dich am besten zuerst bei einem Menschen, der mit Sicherheit positiv reagiert. Das kann ein guter Freund sein, eine Vertrauensperson, jemand aus der Community. Gute Erfahrungen zu Beginn bestärken dich und geben dir Mut für weitere Schritte. Jedes Coming-out läuft anders ab. Es gibt keinen „richtigen" Weg - nur deinen.
Du musst dich auch nicht auf einmal bei allen outen. Manche machen es schrittweise: erst bei Freund*innen, dann in der Familie, später vielleicht am Arbeitsplatz oder in der Schule. Das ist völlig in Ordnung. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass es vollkommen in Ordnung ist, so zu sein, wie man ist - und zu wissen, dass sie nicht alleine sind.
Fazit: Es geht um dein Leben, nicht um deren Erwartungen
Die Frage „Warum muss ich mich überhaupt outen?" lässt sich so beantworten: Du musst nicht. Aber du kannst. Und für viele ist es ein befreiender Schritt, der ihnen hilft, authentisch zu leben. Es geht nicht darum, anderen eine Show zu liefern oder dich zu rechtfertigen. Es geht darum, dass du dein Leben leben kannst, ohne dich zu verstellen.
Wenn du dich gerade in dieser Phase befindest: Nimm dir Zeit. Hol dir Unterstützung. Und vertrau darauf, dass du den richtigen Moment für dich spüren wirst. Für das Coming-out ist es nie zu spät.
