„Bist du trans oder transsexuell?" - „Transgender klingt irgendwie offener, oder?" Vielleicht hast du solche Sätze schon mal gehört oder dir selbst diese Fragen gestellt. Die Begriffe rund um Trans-Sein sind für viele verwirrend, auch innerhalb der Community. Und das hat Gründe: Manche Begriffe stammen aus der Medizin der 70er-Jahre, andere sind politisch erkämpfte Selbstbezeichnungen - und nicht alle fühlen sich damit wohl.
Was bedeutet trans* heute?
Trans* ist ein Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das Sternchen (*) steht dabei als Platzhalter für viele verschiedene Selbstbezeichnungen: transgender, transgeschlechtlich, transident - oder auch nicht-binär für Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau verorten.
Eine trans* Frau ist eine Frau, deren Geschlechtsidentität weiblich ist, die bei der Geburt aber einen männlichen Geschlechtseintrag erhalten hat. Ein trans* Mann ist ein Mann, dessen Geschlechtsidentität männlich ist, der bei der Geburt aber einen weiblichen Geschlechtseintrag erhalten hat. Das heißt: Eine trans* Frau ist eine Frau - nicht „ein Mann, der zur Frau wird". Diese Perspektive ist wichtig, um Trans-Sein nicht als Verwandlung zu sehen, sondern als Sichtbarmachen dessen, wer man schon immer war.
Warum viele „transsexuell" heute ablehnen
Der Begriff „transsexuell" stammt aus der Medizin und wurde lange genutzt, um ein Krankheitsbild zu beschreiben. Er wird häufig als veraltet und pathologisierend kritisiert, weil er fälschlicherweise nahelegt, bei Transgeschlechtlichkeit handle es sich um eine Erkrankung. Noch dazu klingt „transsexuell" so, als gehe es um Sexualität - tatsächlich geht es aber um Geschlechtsidentität, nicht um sexuelle Orientierung.
Trotzdem ziehen manche trans* Personen diesen Begriff anderen Bezeichnungen vor, weil sie damit den Fokus darauf legen, dass es ihr Körper ist, der von ihrer Geschlechtsidentität abweicht. Das ist ihr gutes Recht. Wichtig ist: Jede Person entscheidet selbst, wie sie sich bezeichnen möchte - und diese Entscheidung sollte respektiert werden.
Trans-Sein ist keine Krankheit
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im ICD-11, der seit Januar 2022 in Kraft ist, Transsexualität als „Geschlechtsinkongruenz" eingestuft und nicht mehr als Störung oder Krankheit. Das ist ein wichtiger Schritt weg von der Pathologisierung - auch wenn in Deutschland das ICD-11 noch nicht vollständig umgesetzt ist.
Trans-Sein ist keine psychische Krankheit. Es ist eine Normvariante menschlicher Identität. Manche trans* Menschen erleben aber große Belastung durch die Diskrepanz zwischen ihrem Körper und ihrer Identität - das nennt man Geschlechtsdysphorie. Diese kann behandelt werden, etwa durch Hormontherapien oder geschlechtsangleichende Operationen. Aber nicht alle trans* Menschen wollen oder brauchen diese Schritte.
Wie viele trans* Menschen gibt es?
Unterschiedliche Studien kommen auf Prozentzahlen, die bis 0,7 % der Bevölkerung reichen. Je jünger die Studie ist, desto höher liegt die Häufigkeit. Das hat auch mit gesellschaftlicher Sichtbarkeit zu tun: Je offener über Trans-Sein gesprochen wird, desto mehr Menschen trauen sich, ihre Identität zu leben und zu benennen.
Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln - viele trans* Menschen leben unsichtbar, haben keinen Zugang zu Beratung oder wollen sich keiner Institution anvertrauen. Die Dunkelziffer ist also vermutlich deutlich höher.
Das Selbstbestimmungsgesetz - endlich ohne Gutachten
Am 1. November 2024 trat das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) in Kraft. Es beendete nach Jahrzehnten das diskriminierende Transsexuellengesetz (TSG). Zum ersten Mal können Menschen ihren Geschlechtseintrag und Namen selbstbestimmt ändern - ohne pathologisierende Verfahren und entwürdigende Zwangsbegutachtungen.
Die Vorlage eines ärztlichen Attests oder die Einholung von Gutachten in einem Gerichtsverfahren sind nicht länger erforderlich. Um eine Änderung zu bewirken, müssen trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen künftig kein gerichtliches Verfahren mehr durchlaufen. Auch die Einholung von Sachverständigengutachten ist keine Voraussetzung mehr. Stattdessen reicht eine Erklärung beim Standesamt.
Das Gesetz ist ein Fortschritt - aber nicht perfekt. Es gibt weiterhin Einschränkungen: Nur Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit oder unbefristetem Aufenthaltstitel können es nutzen, und zwischen Anmeldung und Änderung müssen drei Monate vergehen. Trotzdem: Für viele trans* Menschen bedeutet das neue Gesetz Erleichterung, mehr Sicherheit und ein Stück mehr Anerkennung.
Trans* und sexuelle Orientierung sind zwei verschiedene Dinge
Trans-Sein ist unabhängig von sexueller Orientierung. Trans* Menschen können heterosexuell (straight), homosexuell (schwul oder lesbisch), bisexuell, asexuell oder anders orientiert sein. Eine trans* Frau, die auf Frauen steht, ist lesbisch. Ein trans* Mann, der auf Männer steht, ist schwul. Das hat nichts mit dem „ursprünglichen" Geschlechtseintrag zu tun, sondern mit der gelebten Identität.
Viele trans* Menschen bewegen sich in queeren Räumen, gerade auch in schwulen oder lesbischen Communities - nicht immer reibungslos, aber oft mit viel gegenseitiger Unterstützung.
Wo du Unterstützung findest
Wenn du dich fragst, ob du trans* sein könntest, oder wenn du Unterstützung brauchst: Du bist nicht allein. Es gibt Beratungsstellen, die dich begleiten - ohne Druck, ohne Diagnose-Zwang, einfach als Ansprechpartner.
- Bundesverband Trans* (BVT*) - bundesverband-trans.de - bietet Infos, Beratung und Vernetzung.
- Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti) - dgti.org - Peer-Beratung und Selbsthilfegruppen.
- Transmann e.V. und TransInterQueer e.V. (TrIQ) - spezialisierte Beratung in Berlin und online.
- Telefonseelsorge - 0800-1110111 oder 0800-1110222 (kostenlos, 24/7) - für akute Krisen.
Du musst nicht alle Antworten sofort haben. Es ist okay, Fragen zu stellen, auszuprobieren, Dinge wieder zu verwerfen. Deine Identität gehört dir - und nur du entscheidest, wie du sie lebst.
