Wird man schwul geboren? Was die Forschung wirklich sagt

Gene, Hormone, Umwelt - die Wissenschaft sucht seit Jahrzehnten nach den Ursachen von Homosexualität. Was wir heute wissen: Es ist komplizierter als gedacht. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht.

justboys-Redaktion

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„Bist du so geboren oder war das eine Entscheidung?" Die Frage kennen vermutlich die meisten von uns. Und ehrlich: Sie nervt. Weil sie impliziert, dass Schwulsein irgendwie erklärungsbedürftig wäre. Trotzdem lohnt ein Blick darauf, was die Wissenschaft über die Entstehung sexueller Orientierung herausgefunden hat - nicht um uns zu rechtfertigen, sondern um Mythen aufzuräumen.

Die historische Suche nach dem „Warum"

Seit dem 19. Jahrhundert versuchen Wissenschaftler zu verstehen, warum Menschen unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben. Der deutsche Jurist Karl Heinrich Ulrichs sprach 1864 von „Urningen" - Menschen mit männlichem Körper und weiblicher Seele. Eine Idee, die heute überholt wirkt, aber damals radikal war: Ulrichs sah Homosexualität nicht als Krankheit, sondern als angeborenes Phänomen. Magnus Hirschfeld, Sexualforscher und Begründer der ersten Homosexuellen-Bewegung in Deutschland, griff diese Idee auf und kämpfte für Straffreiheit.

Sigmund Freud hatte eine andere These: Alle Menschen seien von Geburt an bisexuell, erst die Kindheitsentwicklung - etwa ein „abwesender Vater" - führe zur Homosexualität. Diese psychoanalytische Erklärung ist längst widerlegt, hält sich aber in manchen Köpfen hartnäckig. Tatsächlich fanden sich bis heute keine Belege dafür, dass Erziehung oder Verführungserlebnisse in Kindheit oder Pubertät die sexuelle Orientierung beeinflussen.

Das Märchen vom „Schwulen-Gen"

1993 sorgte der amerikanische Wissenschaftler Dean Hamer für Schlagzeilen: Er glaubte, das „Schwulen-Gen" entdeckt zu haben. Bei homosexuellen Zwillingsbrüdern fand er eine Abweichung auf dem X-Chromosom. Andere Forscher konnten seine These jedoch nicht bestätigen - die Idee eines einzelnen „Schwulen-Gens" war damit vom Tisch.

Eine Studie an 480.000 Männern und Frauen aus dem Jahr 2019 liefert heute klarere Antworten: Die sexuelle Orientierung wird auch vom Erbgut beeinflusst - doch das oftmals kolportierte „Schwulen-Gen" gibt es nicht. Es gibt kein einzelnes Gen, was die sexuelle Orientierung bestimmt. Stattdessen entdeckten Forscher fünf Gensequenzen, die mit sexueller Orientierung in Zusammenhang stehen. Doch ihr Effekt ist winzig - summiert erklären sie bloß zu einem Prozent, warum sich Männer oder Frauen vom eigenen Geschlecht angezogen fühlen.

Die Entstehung homosexueller Orientierung wird heute als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, genetischer und psychosozialer Faktoren verstanden. Ein monokausales Erklärungsmodell gilt als widerlegt.

Hormone, ältere Brüder und andere Puzzleteile

Auch vorgeburtliche Hormone scheinen eine Rolle zu spielen. In Tierversuchen mit Ratten zeigte sich: War ein ungeborenes Männchen hohen Testosteron-Konzentrationen ausgesetzt, entwickelte es männliches Sexualverhalten - bei niedrigen Konzentrationen bevorzugte es weibliches Paarungsverhalten. Beim Menschen ist das natürlich komplizierter, aber auch hier könnten Hormone im Mutterleib die Entwicklung beeinflussen.

Eine weitere mögliche Ursache für Homosexualität haben Forschende vor einigen Jahren entdeckt: Ihnen war aufgefallen, dass schwule Männer auffällig oft mindestens einen älteren Bruder haben. Eine Erklärung könnte in der Schwangerschaft der Mutter liegen. Einige Frauen bilden demnach während der Schwangerschaft mit einem Sohn Antikörper gegen ein Protein, das die Entwicklung des Gehirns des Sohnes beeinflusst. In späteren Schwangerschaften könnte dieser Effekt die sexuelle Orientierung der jüngeren Brüder beeinflussen. Allerdings ist auch dieses Phänomen nur ein Puzzleteil: Denn nicht jeder schwule Mann hat ältere Brüder und bei lesbischen Frauen konnte ein ähnlicher Zusammenhang gar nicht nachgewiesen werden.

Zwillingsstudien zeigen, dass die Unterschiede in sexueller Neigung und sexuellem Verhalten zu 20 bis 50 Prozent genetisch bedingt sind. Der Rest? Vermutlich ein Mix aus vorgeburtlichen Einflüssen, Hirnentwicklung und vielen anderen Faktoren, die wir noch nicht verstehen.

Warum diese Frage überhaupt wichtig ist - oder auch nicht

Gene, Hirnentwicklung, Schwangerschaft: Vermutlich spielt all das eine Rolle bei der Festlegung unserer sexuellen Orientierung - und sie ist wahrscheinlich zu großen Teilen angeboren. Die Erziehung scheint praktisch keinen Einfluss zu haben. Die aktuellen Klassifikationssystemen (ICD-11) führen sexuelle Orientierung nicht als psychische Störung, sondern betrachten sie als normale Variante menschlicher Sexualität.

Klar ist heute: Homosexualität ist keine Krankheit, die man „heilen" könnte. Sogenannte Konversionstherapien sind nicht nur wirkungslos, sondern gefährlich und in vielen Ländern - auch in Deutschland und Österreich - verboten.

Und trotzdem bleibt die Frage: Warum will man die sexuelle Orientierung überhaupt erklären? Oft steht dahinter der Wunsch, Homosexualität nicht erklären, sondern vielmehr rechtfertigen oder gar verändern zu wollen. Akzeptanz menschlicher Vielfalt und das Begreifen von Unterschieden als Bereicherung ist aber wichtiger als Ursachensuche.

Was du dir merken kannst

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage „Warum bin ich schwul?". Die Wissenschaft hat gezeigt, dass sexuelle Orientierung durch ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren entsteht - vermutlich größtenteils angeboren, aber nicht durch ein einzelnes Gen oder eine einzelne Ursache bestimmbar. Der Effekt ist sogar so marginal, dass die Forscher ausdrücklich betonen, dass anhand dieser Gene keine Vorhersage über die sexuelle Orientierung eines Menschen möglich ist - etwa per Gentest bei der Geburt.

Das Wichtigste: Schwulsein ist keine Entscheidung, keine Krankheit und nichts, was man ändern könnte oder müsste. Es ist einfach Teil dessen, wer du bist - und das ist vollkommen in Ordnung.

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