Close (2022) - Wenn Männlichkeit tödlicher ist als Hass

Lukas Dhonts Drama über zwei 13-jährige Jungen gewann in Cannes den Grand Prix und ist einer der schmerzhaftesten queeren Filme der letzten Jahre. Aber lohnt sich das emotionale Trauma?

Redaktion

4 Min Lesezeit

Close (2022) - Wenn Männlichkeit tödlicher ist als Hass - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Triggerwarnung: Dieser Film thematisiert Suizid und Homophobie.

Es gibt Filme, die dich wochenlang nicht loslassen, und Close ist definitiv einer davon. Der belgische Regisseur Lukas Dhont gewann mit seinem zweiten Film den Grand Prix in Cannes 2022 und wurde für den Oscar als bester internationaler Film nominiert. Aber anders als sein Vorgänger Girl, der für trans Darstellung kontrovers diskutiert wurde, geht Close einen anderen Weg: Er zeigt, wie toxische Männlichkeit selbst die engste Freundschaft zerbrechen kann, bevor die beiden Jungs überhaupt wissen, wer sie sind.

Eine Freundschaft, die zu nah wirkt

Léo und Rémi sind 13 Jahre alt, beste Freunde, unzertrennlich. Sie schlafen eng umschlungen im Bett, teilen Geheimnisse, rennen durch Blumenfelder wie Brüder, die nie erwachsen werden wollen. Dann beginnt die neue Schule. Ein Mädchen fragt beiläufig, ob die beiden zusammen sind. Léo verneint schnell. Später kommt ein homophobes Schimpfwort. Und plötzlich beginnt Léo, sich von Rémi zu distanzieren. Er meldet sich für Eishockey an, trägt Panzer statt T-Shirts, wird rauer, männlicher. Rémi versteht nicht, was passiert. Die Distanz zwischen ihnen wächst, bis etwas Unvorstellbares geschieht, das Léo für immer verändert.

Ist es queer? Oder geht es um toxische Männlichkeit?

Regisseur Lukas Dhont sagt selbst, dass Close weniger über queere Liebe als über toxische Männlichkeit handelt, auch wenn er sich nicht dagegen wehrt, dass der Film als LGBTQ+ gelesen wird. Es geht ihm darum, wie junge Männer keinen Raum haben, ihre Intimität und Zärtlichkeit auszudrücken, wie wir ihre Nähe sofort sexualisieren und in Schubladen pressen wollen. Und genau da liegt die Stärke und zugleich die Schwäche des Films.

Einerseits ist Close unfassbar ehrlich darin, wie er zeigt, dass Jungs nicht weinen dürfen, dass Nähe zwischen ihnen verdächtig ist, dass Freundschaft ab einem gewissen Alter „cool" und distanziert sein muss. Andererseits wurde der Film kritisiert, weil er keine positive queere Botschaft liefert und im schlimmsten Fall homophobe Klischees verstärkt, indem er queere (oder queer gelesene) Figuren bestraft, ohne eine Gegenperspektive anzubieten. Einige bemängeln, dass Léo nie erklärt, warum er Rémi weggestoßen hat, dass der Film mehr Schweigen zeigt als Kommunikation. Das ist fair, aber vielleicht auch genau der Punkt: Toxische Männlichkeit bedeutet, dass Jungs nicht über ihre Gefühle reden. Einen Film darüber zu machen, in dem die Jungs schweigen, ist konsequent, aber frustrierend.

Für wen ist dieser Film?

Ehrlich gesagt: Close ist brutal. Wenn du gerade in einer fragilen Phase bist oder selbst Erfahrungen mit Homophobie, Mobbing oder Verlust gemacht hast, kann dieser Film richtig wehtun. Er bietet kein Happy End, keine queere Heldenreise, keine Befreiung. Stattdessen hinterlässt er dich mit einem Loch in der Brust und der Frage, warum wir Jungs immer noch so erziehen, dass Nähe gefährlich ist.

Aber wenn du Filme magst, die dich herausfordern, die sich nicht schön reden lassen und die ein schmerzhaftes gesellschaftliches Problem sezieren, ohne dir die Lösung vorzukauen, dann ist Close einer der wichtigsten queeren (oder queer-relevanten) Filme der letzten Jahre.

Zwei Debütanten, die Geschichte schreiben

Eden Dambrine (Léo) und Gustav De Waele (Rémi) sind beide Laiendarsteller, die Lukas Dhont in einem offenen Casting fand. Die beiden kannten sich vor dem Casting nicht, aber schon am ersten Tag schrieben sie einander als „Lieblingsperson der Welt" auf einen Fragebogen. Diese echte Verbindung zwischen den beiden ist in jeder Szene spürbar. Dambrine trägt den Film auf seinen schmalen Schultern, sein Gesicht ein stummer Aufschrei, der niemals laut werden darf. De Waele spielt Rémi mit einer Verletzlichkeit, die schmerzt.

Émilie Dequenne und Léa Drucker spielen die Mütter der beiden Jungs und liefern zwei der eindringlichsten Nebenrollen des Jahres 2022. Besonders Dequenne als Sophie, Rémis Mutter, zeigt Trauer so roh und echt, dass du im Kino die Luft anhältst.

Wo du es sehen kannst

In Deutschland läuft Close aktuell kostenlos auf Arte und im Mosaik Amazon Channel als Streaming-Flat. Leihen kannst du ihn bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies, YouTube, Sky Store, maxdome Store, MagentaTV, Behind the Tree und Videoload. Zum Kaufen stehen die gleichen Plattformen bereit.

In Österreich findest du ihn im Mosaik Amazon Channel (Flat) oder zum Leihen/Kaufen bei Amazon Video, Apple TV, Google Play Movies, maxdome Store und Sky Store.

In der Schweiz streamst du ihn über UPC TV, filmingo oder Cinu (Flat), zum Leihen bei blue TV, Apple TV, Google Play Movies und filmingo, zum Kaufen bei den gleichen Anbietern.

Lohnt sich der Schmerz?

Close ist kein Feel-Good-Film. Er wird dich nicht mit einem warmen Gefühl zurücklassen. Aber er wird dich zum Nachdenken bringen, zum Weinen vielleicht, und hoffentlich dazu, anders über Freundschaft, Männlichkeit und die Art, wie wir Jungs großziehen, nachzudenken.

Ist der Film perfekt? Nein. Die fehlende queere Affirmation, das Schweigen der Hauptfigur, die Tatsache, dass der Film eine Tragödie erzählt, ohne einen Ausweg zu zeigen, das alles sind legitime Kritikpunkte. Aber Close ist trotzdem ein wichtiger Film, weil er brutal ehrlich ist. Er erinnert uns daran, wie sorglos wir Standards von Nicht-Intimität zwischen Jungs normalisiert haben, sodass das Gegenteil als unanständig gilt.

Wenn du bereit bist für 104 Minuten schmerzhafte Schönheit, dann schau ihn. Aber sei gewarnt: Dieser Film hinterlässt Spuren.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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Kommentare(1)

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  1. justboys-Nutzer

    unbedingt anschauen