Ein französischer Coming-of-Age-Film von 1977, der das queere Erwachen eines 13-Jährigen erzählt? Klingt erstmal mutig. Und das war "Erste Versuchungen" (Originaltitel: "Blue jeans - Du beurre aux Allemands") für seine Zeit wahrscheinlich auch. Heute ist der Film aber vor allem ein Zeitdokument, das zeigt, wie weit sich queeres Kino seitdem entwickelt hat.
Sommerferien, erste Liebe, erste Verwirrung
Julien Morin ist 13 und wird mit seinen Klassenkameraden in den Sommerferien nach England geschickt, um Englisch zu lernen. Dort passiert, was in diesem Alter eben passiert: Er verliebt sich zum ersten Mal, und zwar in Janet, ein Mädchen vor Ort. Doch das Glück ist kurz, denn Janet lässt ihn schnell fallen, als der ältere und coolere Jean-Pierre auftaucht. Julien ist erst eifersüchtig, doch dann merkt er: Es ist nicht Janet, die ihm fehlt. Es ist Jean-Pierre, den er attraktiv findet. Die beiden freunden sich an, tauschen sogar ihre Jeans, und für Julien ist das Glück perfekt. Bis seine Klassenkameraden ihn als schwul bezeichnen und Jean-Pierre ihm aus Angst die Freundschaft kündigt. Julien bleibt verletzt und allein zurück.
Queere Darstellung zwischen Mut und Klischee
Für 1977 war es durchaus gewagt, die homosexuelle Anziehung eines 13-Jährigen ins Zentrum eines Films zu stellen, noch dazu in einem europäischen Jugendfilm. Regisseur und Drehbuchautor Hugues Burin des Roziers zeigt Juliens Gefühle ohne explizite Sexualisierung, aber auch ohne sie zu verharmlosen oder ins Lächerliche zu ziehen. Das ist für die Zeit bemerkenswert. Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass der Film queere Gefühle fast ausschließlich als tragisch und schmerzhaft inszeniert. Jean-Pierre distanziert sich aus Angst vor Homophobie, Julien bleibt gebrochen zurück. Es gibt kein Happy End, keine Hoffnung, keine queere Community. Das mag realistisch für die 70er gewesen sein, wirkt heute aber wie ein weiteres "Queerness = Leid"-Narrativ, von dem wir inzwischen genug gesehen haben.
Hinter der Kamera stand mit Burin des Roziers ein heterosexueller Filmemacher, der sich an ein sensibles Thema wagte. Das Ergebnis ist ehrlich gemeint, aber aus heutiger Sicht fehlt die Perspektive von innen. Die Figuren bleiben blass, die Dialoge hölzern, die Kameraarbeit unauffällig bis langweilig. Der Film hat den Charme eines Schul-TV-Beitrags der 70er Jahre, aber nicht die emotionale Tiefe, die ein modernes queeres Coming-of-Age-Drama heute braucht.
Cast aus Laiendarstellern mit gemischtem Ergebnis
Gilles Budin spielt Julien Morin, Michel Gibet ist Jean-Pierre, Daniel Véry gibt den Mitschüler Talimard. Alle drei sind Laiendarsteller, und das merkt man. Die Performances sind steif, die emotionalen Momente wirken oft unfreiwillig komisch. Das liegt nicht nur an den jungen Darstellern, sondern auch am Drehbuch, das ihnen kaum Raum für Nuancen lässt. Thierry Dolon, Jérôme Cadiou und Eric Noël ergänzen das Ensemble als Mitschüler, bleiben aber reine Staffage.
Der Film lebt nicht von seinen Schauspielern, sondern von seiner Prämisse. Und die ist inzwischen längst von besseren Filmen überholt worden.
Wo du es sehen kannst
Hier wird es schwierig: "Erste Versuchungen" ist derzeit regulär nicht in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar. Kein Streaming-Anbieter listet den Film, es gibt keine offizielle DVD oder Blu-ray im deutschsprachigen Raum. Wer ihn sehen will, muss auf ausländische Plattformen, Filmarchive oder YouTube-Uploads in zweifelhafter Qualität zurückgreifen. Der Trailer ist auf YouTube zu finden, aber der ganze Film bleibt weitgehend verschollen.
Das ist schade für Filmhistoriker und queere Archiv-Nerds, die sich anschauen wollen, wie queeres Kino vor fast 50 Jahren aussah. Für alle anderen ist es keine große Tragödie.
Ein Film für das queere Archiv, aber kein Must-Watch
Seien wir ehrlich: "Erste Versuchungen" ist kein guter Film. Er ist langatmig, die Inszenierung ist bieder, die Dialoge sind hölzern, und die Botschaft bleibt düster und hoffnungslos. Was bleibt, ist historisches Interesse. Der Film zeigt, dass queere Geschichten auch in den 70ern erzählt wurden, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Er zeigt auch, wie weit wir seitdem gekommen sind. Filme wie "Love, Simon", "Heartstopper", "Call Me by Your Name" oder "Red, White & Royal Blue" erzählen queere Coming-of-Age-Geschichten heute mit mehr Mut, mehr Tiefe, mehr Hoffnung. Und das ist gut so.
Wenn du dich für queere Filmgeschichte interessierst oder sehen willst, wie queere Themen vor Jahrzehnten auf der Leinwand gelandet sind, dann ist dieser Film ein Zeitdokument. Wenn du einen mitreißenden, emotionalen, glaubwürdigen queeren Jugendfilm suchst, schau woanders hin. Es gibt heute so viel Besseres.




