Ein schwuler Coming-of-Age-Film aus Berlin, der weder das durchs Konfetti gefilmte Liebesglück noch den moralischen Zeigefinger über den exzessiven Partylifestyle auspackt? Ja, den gibt es. Hannes Hirschs Regiedebüt "Drifter" wurde mit dem First Steps Award als bester Spielfilm ausgezeichnet und lief auf der Berlinale 2023 im Panorama-Programm sowie in der Auswahl für den Teddy Award. Aber aufgepasst: Wer hier einen romantischen Plot erwartet, wird enttäuscht. "Drifter" ist ehrlicher, rauer und weniger komfortabel.
Triggerwarnung: Der Film enthält explizite Sex-Szenen, Drogenkonsum (Ketamin, Koks, Speed), BDSM-Inhalte und Themen rund um internalisierte Homophobie und Einsamkeit.
Von Provinz-Boy zu Techno-Twink: Moritz' freier Fall durch Berlin
Moritz ist 22, gerade erst für seinen Freund Jonas nach Berlin gezogen, und steht schon wieder auf der Straße. Jonas ist "nicht so der WG-Typ", wie er lässig beim Clubbing erwähnt, also ist die Beziehung vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Keine große Szene, kein Kino-Drama, nur ein verdammt schmerzhafter Realitäts-Check. Moritz findet kurzzeitig Zuflucht beim älteren Noah (Cino Djavid), einem Kinovorführer, der ein geregeltes Leben mit seiner Freundin und Kind führt. Doch die Langeweile und die heteronormativen Spieleabende treiben Moritz weiter ins pulsierende Nachtleben der Hauptstadt. Er ändert sein Aussehen, rasiert sich den Kopf, baut Muskeln auf und taucht tiefer in eine Welt aus Partys, Sex, Drogen und Wahlfamilie ein.
Ist das noch queer positiv oder schon toxisch?
Hier wird's interessant: Regisseur Hirsch nennt den Huffington-Post-Artikel "Together Alone: The Epidemic of Gay Loneliness" als wichtigen Bezugspunkt und thematisiert, dass schwule Männer auch in liberalen Umgebungen überdurchschnittlich häufig an Depressionen und Einsamkeit leiden. Der Film zeigt die Berliner Queer-Szene ungeschminkt: Die toxische Maskulinität und Körperkultur wird zwar betrachtet, allerdings teils zu sanft und fast romantisiert, kritisieren manche Stimmen. Andere finden genau das stark: Hirsch fängt diesen Lebensstil ein, ohne eine eindeutige Wertung vorzugeben. "Drifter" ist kein oberflächlicher Partyfilm, aber auch kein reißerisches Drama, das vor Dekadenz warnt.
Der Film darf als eine mögliche Darstellung der queeren Community Berlins gesehen werden, allerdings scheint sie doch recht eindimensional. Das Berlin, das wir hier sehen, ist vor allem nachts, vor allem Party, vor allem weiß und körperzentriert. Dass Moritz nie arbeitet, nie studiert und Geld von Mama bekommt, während er sich durch Clubs driftet, ist Privileg pur. Das wird im Film nicht problematisiert, sondern als selbstverständlich hingenommen.
Spannend ist die Frage nach Moritz' Identität: In London und San Francisco sprach vor allem seine Verwandlung die Leute an, wo er seine Identität und Sexualität zu hinterfragen beginnt, weil er vielleicht doch nicht einfach nur ein Cis-Gay ist, so Hirsch in einem Interview. Der Film öffnet Türen zu non-binären, fluiden Ausdrucksformen von Männlichkeit und Sexualität, ohne sie explizit zu benennen.
Lorenz Hochhuth spielt Verletzlichkeit unter der Party-Maske
Lorenz Hochhuth liefert ein inspiriertes Schauspiel, man sieht so viele Unsicherheiten und Zögern in seinen Augen, seinen Bewegungen. Er scheint sich an die wilde und offene Art der Szene zu gewöhnen, aber wirkt manchmal beinahe abwesend, fast mitgetragen durch eine Form von Gruppenzwang. Das ist das Herzstück des Films: Moritz ist keine Identifikationsfigur, die "richtige" Entscheidungen trifft, sondern ein verlorener Junge, der sich treiben lässt. Cino Djavid als Noah bringt eine sanfte Gegenwelt ins Spiel, die aber genauso schnell wieder verschwindet. Gustav Schmidt als Ex Jonas ist der typische Berliner Fuckboy, der nie wirklich greifbar wird.
Wo du es sehen kannst
"Drifter" läuft aktuell nicht mehr im Kino, ist aber zum Leihen und Kaufen verfügbar: In Deutschland über Apple TV, Google Play Movies und YouTube (Leihe und Kauf möglich). In Österreich und der Schweiz ebenfalls über Apple TV und Google Play Movies. Die Altersfreigabe liegt bei FSK 18, also erwarte explizite Inhalte. Der Trailer ist auf YouTube zu finden (ID: 0wXXtavfDVM).
Ein Film, der polarisiert: Lohnt sich das?
Die Kritiken sind gespalten. Manche fanden den Film unterhaltsam, ohne wirkliche Botschaft oder tieferes Thema, einfach nur Spaß beim Zuschauen, wie die Hauptfigur die Berliner Queer-Welt erkundet. Andere waren "gelangweilt", bemängeln die Reduktion auf Klischees, Drogen-Sex-Partys und eine "vestigiale Story mit steifem Schauspiel". Ein Zuschauer auf Letterboxd schreibt hart: "An keinem Punkt hat Hannes Hirsch Interesse daran, sich mit der Stadt oder dem Leben hier auseinanderzusetzen, stattdessen gibt Drifter sich damit zufrieden, 80 Minuten lang die nervigsten Berlin-Klischees zu reproduzieren".
Meine Meinung? "Drifter" ist ein Film für ein sehr spezifisches Publikum. Wenn du selbst schon mal in der Berliner Szene warst, wirst du viele Momente wiedererkennen, vielleicht sogar unangenehm viele. Wenn du eine Geschichte mit klarem Bogen, sympathischen Figuren und einem Feel-Good-Ende suchst, wirst du frustriert sein. Der Film ist eher ein 79-minütiges Stimmungsbild als ein klassischer Plot. Hirsch hat einen Film gedreht, der Offenheit zum Grundprinzip erhebt und konsequent in der Schwebe bleibt. Moritz befindet sich auf einer Reise, bei der nicht das Ziel, sondern die Suche das eigentliche Ereignis ist.
Für wen lohnt es sich? Wenn du Bock auf authentische, ungefilterte queere Repräsentation hast, die auch mal unbequem ist. Wenn du Berlin-Nostalgie oder -Neugierde hast. Wenn du die Frage "Wer bin ich wirklich?" nicht mit einem Instagram-Post beantworten willst. Aber erwarte keinen Meisterwerk-Thriller oder tiefschürfende Charakterentwicklung. "Drifter" ist ehrlich, manchmal zu ehrlich, und lässt dich am Ende allein mit deinen eigenen Fragen zurück. Genau wie Moritz.
