Heimliche Küsse (2016) - Wenn ein Kuss zum digitalen Spießrutenlauf wird

Ein französischer TV-Film über zwei schwule Teenager, die nach einem gestohlenen Kuss auf Facebook bloßgestellt werden. Ehrlich, schmerzhaft und stellenweise erschütternd gut gespielt.

Redaktion

4 Min Lesezeit

Heimliche Küsse (2016) - Wenn ein Kuss zum digitalen Spießrutenlauf wird - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

Trailer über YouTube - beim Abspielen werden Daten an Google übertragen.

Stell dir vor, dein erster Kuss wird heimlich fotografiert, landet auf Facebook und innerhalb von Stunden kennt die ganze Schule dein intimstes Geheimnis. Genau das passiert Nathan und Louis in "Heimliche Küsse", einem französischen TV-Film, der 2016 schon zeigte, wie toxisch soziale Medien und Homophobie zusammenwirken können. Regisseur Didier Bivel nimmt sich hier einem Thema an, das leider immer noch relevant ist, auch wenn der Film stellenweise arg ins Melodramatische abdriftet.

Der neue Junge, ein gestohlener Kuss und eine Hetzkampagne

Nathan (Bérenger Anceaux) ist 16, neu an der Schule und lebt allein mit seinem Vater Stéphane (Patrick Timsit), einem Polizisten. Auf einer Party trifft Nathan auf Louis (Jules Houplain), einen Klassenkameraden, und es funkt. Die beiden küssen sich abseits der Menge, doch jemand macht ein Foto und postet es auf Facebook. Nathans Gesicht ist klar zu erkennen, Louis' bleibt verborgen. Was folgt, ist ein gnadenloses Mobbing, Anfeindungen auf dem Schulhof und handfeste Gewalt. Nathan weigert sich, seinen Kusspartner zu verraten, während Louis unter dem Druck seines homophoben, machoiden Vaters (Bruno Putzulu) den Feigling spielt und Nathan im Regen stehen lässt. Nathans eigener Vater ist zunächst schockiert und zieht sich emotional zurück, doch die Frage bleibt: Kann Stéphane zu seinem Sohn stehen, bevor es zu spät ist?

Wie ehrlich ist die queere Darstellung?

Der Film nimmt kein Blatt vor den Mund, was Homophobie angeht. Nathan wird nicht nur verbal fertiggemacht, sondern körperlich attackiert, die Schulleitung versagt, und selbst sein Vater braucht Zeit, um zu kapieren, dass sein Sohn Unterstützung statt Schweigen braucht. Das ist schmerzhaft realistisch. Allerdings ist "Heimliche Küsse" manchmal etwas zu sehr darauf aus, jede erdenkliche Form von Diskriminierung in 87 Minuten zu packen. Der Film konzentriert sich auf die Grundprobleme, die zwei schwule Jungs aus völlig unterschiedlichen Lebenssituationen teilen: Angst, Mobbing, Isolation, Einsamkeit und natürlich Liebe. Aber manche Szenen wirken konstruiert, als wolle man dem Zuschauer unbedingt zeigen, wie schlimm es ist, statt organisch zu erzählen.

Was den Film trotzdem ehrlich macht: Die Väter-Söhne-Dynamik wird nicht verharmlost. Regisseur Didier Bivel verwandelt eine potenziell seifenopernartige queere Teen-Erzählung in etwas Wichtigeres, indem er die emotionalen Höhen und Tiefen in den Beziehungen zwischen homosexuellen jungen Männern und ihren heterosexuellen Vätern erforscht. Das ist der Kern des Films und hier funktioniert er am besten. Drehbuchautor Jérôme Larcher hat laut eigener Aussage versucht, authentisch zu zeigen, wie Outing via Social Media eskaliert, ohne idealisierte Lösungen anzubieten. Das gelingt mal mehr, mal weniger.

Die jungen Darsteller überzeugen, die Erwachsenen auch

Bérenger Anceaux als Nathan ist das emotionale Herz des Films. Er spielt die Verzweiflung, die Wut und die zaghafte Hoffnung so glaubwürdig, dass man wirklich mit ihm mitfiebert. Jules Houplain als Louis hat die schwierigere Rolle: der Junge, der zu feige ist, zu seiner Liebe zu stehen. Houplain schafft es, Louis nicht komplett unsympathisch wirken zu lassen, auch wenn du ihm am liebsten ins Gesicht schreien möchtest. Patrick Timsit liefert als Vater Stéphane eine nuancierte Performance ab. Er ist kein Monster, sondern ein überrumpelter Typ, der erst lernen muss, dass sein Sohn mehr braucht als Schweigen. Bruno Putzulu als Louis' Vater ist dagegen das Klischee vom toxischen Macho-Dad, aber auch das hat seine Berechtigung, weil solche Typen leider existieren.

Wo du es sehen kannst

In Deutschland kannst du "Heimliche Küsse" leihen oder kaufen bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies, YouTube, MagentaTV und Videoload. In Österreich ist der Film bei Amazon Video, Apple TV und Google Play verfügbar (Leihe und Kauf). In der Schweiz ebenfalls bei Apple TV, Google Play und Amazon Video. Es gibt keine kostenlose Streaming-Option, aber für 3 bis 4 Euro Leihgebühr ist der Film erschwinglich.

Lohnt sich das Drama oder ist es zu viel des Guten?

"Heimliche Küsse" ist kein perfekter Film. Manchmal ist er zu melodramatisch, manchmal wirken Plotpunkte konstruiert. Der Film ist gut gespielt und handwerklich solide, fühlt sich aber etwas überdramatisch an, wenn man das Erscheinungsjahr bedenkt. Das stimmt teilweise, 2016 gab es schon differenziertere queere Coming-of-Age-Geschichten. Trotzdem: Wenn du einen Film suchst, der ehrlich zeigt, wie brutal Homophobie im Schulalltag sein kann und wie wichtig elterliche Akzeptanz ist, dann ist das hier ein solider Tipp. Die beiden Hauptdarsteller geben ihr Bestes, und einige Szenen (besonders die Umarmung am Ende) gehen wirklich unter die Haut.

Für wen lohnt es sich? Wenn du auf französische Dramen stehst, die nicht beschönigen, oder wenn du selbst Erfahrungen mit Coming-out und Ablehnung gemacht hast, wirst du dich hier wiederfinden. Wenn du allerdings eher auf leichte, hoffnungsfrohe queere Romanzen stehst, könnte dir "Heimliche Küsse" zu schwer sein. Der Film zeigt, dass Liebe nicht immer gewinnt, aber manchmal ist schon ein unterstützender Vater und ein versöhnlicher Blick am Bahnsteig ein kleiner Sieg.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

War dieser Guide hilfreich?

Log dich ein, um dein Feedback dazulassen - das dauert nur einen Moment.

Einloggen & Feedback geben

Kommentare

Logg dich ein, um mitzudiskutieren.

Einloggen
Noch keine Kommentare. Logg dich ein und schreib den ersten Beitrag.