Hör auf zu lügen (2023) - Wenn die Liebe zur Lüge wurde

Ein erfolgreicher Autor kehrt nach 35 Jahren in seine Heimat zurück und trifft auf den Sohn seiner ersten großen Liebe. Eine berührende Geschichte über Scham, Lügen und die Frage, was aus uns wird, wenn wir uns selbst nicht leben durften.

Redaktion

4 Min Lesezeit

Hör auf zu lügen (2023) - Wenn die Liebe zur Lüge wurde - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Stell dir vor, du kommst nach über drei Jahrzehnten zurück in die Stadt, aus der du als junger Mann geflohen bist. Und dort triffst du den Sohn deiner großen Jugendliebe. Ein Film, der genau diese Situation durchleuchtet und dabei kein bisschen kitschig wird? Hör auf zu lügen schafft das. Der französische Film von Olivier Peyon wurde 2023 auf diversen queeren Festivals gefeiert und ist die Adaption des halbautobiografischen Bestsellers von Philippe Besson.

Eine Reise in die Vergangenheit, die niemand geplant hat

Der erfolgreiche Romanautor Stéphane Belcourt wird als Markenbotschafter zum 200-jährigen Jubiläum einer Cognac-Destillerie in seine Heimatstadt eingeladen. Dort begegnet er Lucas Andrieu, einem jungen Mann, der für das Unternehmen arbeitet. Der Nachname lässt Stéphane aufhorchen: Lucas ist der Sohn von Thomas, Stéphanes erster großer Liebe. Was folgt, ist eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Erinnerungen an einen heißen Sommer 1984, als beide 17 waren, und der harten Gegenwart. Damals war ihre Beziehung eine leidenschaftliche, aber geheime Affäre. Thomas konnte seine Homosexualität nie annehmen und verschwand irgendwann aus Stéphanes Leben. Jetzt steht sein Sohn vor ihm und möchte mehr über seinen Vater erfahren, ohne die ganze Wahrheit zu kennen.

Ehrlich, nuanciert und ohne Kitsch

Was Hör auf zu lügen von vielen anderen queeren Coming-of-Age-Dramen unterscheidet, ist die Ehrlichkeit, mit der er die Themen Scham und internalisierte Homophobie behandelt. The Queer Review beschrieb den Film als „bittersüße Klage über Leben, die durch Angst und Unterdrückung verloren gingen" und stellte ihn in eine Reihe mit Klassikern wie Call Me By Your Name, God's Own Country und Brokeback Mountain. Das ist kein kleines Lob. Der Film balanciert geschickt zwischen den Zeitebenen: Die Flashbacks zu 1984 zeigen die zarte, aber auch verbotene Liebe zwischen dem schüchternen Stéphane (gespielt von Jérémy Gillet) und dem rauen Thomas (Julien de Saint-Jean). Peyon inszeniert diese Szenen mit viel Sinnlichkeit, aber ohne voyeuristischen Blick.

Wie La Presse schreibt, filmt Peyon „mit viel Aufrichtigkeit die Liebesszenen zwischen den beiden Teenagern, die auf ihre eigene Weise die Gefühle entdecken, die sie füreinander haben, aber auch die Schwierigkeit, in den 1980er Jahren in einer Provinzstadt ihre Homosexualität anzunehmen". Die jungen Darsteller sind beeindruckend natürlich und verleihen ihren Charakteren eine Verletzlichkeit, die unter die Haut geht.

Der Film stellt unbequeme Fragen: Warum hat sich Thomas ein Leben lang versteckt? Was macht das mit einem Menschen, der sich selbst verleugnet? „Die Frage des Lügens ist während des gesamten Films präsent: Warum sich ein Leben lang verstecken, weil man sich schämt, homosexuell zu sein, und seine Angehörigen anlügen? Warum sich selbst belügen? Die Schwierigkeit, die Person anzunehmen, die man ist, die Geheimnisse, das Bedauern", fasst es eine Kritik zusammen.

Victor Belmondo und Guillaume de Tonquédec glänzen

Guillaume de Tonquédec, bekannt aus französischen Komödien, liefert hier eine der besten Performances seiner Karriere ab. Als älterer Stéphane trägt er die Schwere eines Lebens, das von einer nie verheilten Wunde geprägt ist. Victor Belmondo, Enkel von Jean-Paul Belmondo, wird als „echte Offenbarung" gelobt und trägt den Film mit „großer Präzision". Er spielt Lucas mit einer Mischung aus Neugier, Enttäuschung und dem Wunsch, endlich die Wahrheit über seinen Vater zu erfahren.

Auch Guilaine Londez als Gaëlle Flamand, eine Figur, die es im Buch nicht gibt, bringt frischen Wind in die Geschichte. Die Chemie zwischen den Darstellern trägt den Film, besonders in den Momenten, in denen Worte fehlen.

Wo du es sehen kannst

In Deutschland läuft Hör auf zu lügen aktuell auf Amazon Prime Video (auch mit Werbung). Außerdem kannst du ihn leihen oder kaufen bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies, YouTube, Sky Store, Rakuten TV, maxdome Store, MagentaTV, Kino on Demand, Videoload und Freenet meinVOD. In Österreich ist der Film ebenfalls auf Amazon Prime Video verfügbar, alternativ zum Leihen oder Kaufen bei Amazon Video, Apple TV, Google Play Movies, Rakuten TV, maxdome Store und Sky Store.

Ein Film, der unter die Haut geht

Hör auf zu lügen ist kein leichter Film, aber ein wichtiger. Er erzählt von einer Generation schwuler Männer, die ihre Liebe verstecken mussten, und von den Narben, die das hinterlässt. Gleichzeitig ist er ein Film über Heilung, über die Kraft der Wahrheit und darüber, dass es nie zu spät ist, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen. Der Film „sollte seinen Platz im Kanon der herzzerreißend schönen, mainstream-freundlichen queeren Filme finden", und das zu Recht.

Für wen lohnt sich der Film? Für alle, die ehrliche queere Geschichten mögen, die nicht beschönigen. Für alle, die verstehen wollen, wie es war, schwul zu sein, als das noch bedeutete, sich ein Leben lang zu verstecken. Und für alle, die bereit sind, auch mal zu weinen. Dieser Film hat Herz, Tiefe und eine Message, die bleibt. Und ja, du wirst wahrscheinlich Taschentücher brauchen.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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