Wenn sich ein 13-jähriger Junge in den 1980ern in einer niedersächsischen Kleinstadt vor den Spiegel stellt, in Mutters Kleid schlüpft und "Hallöchen" sagt, dann weißt du, dieser Mensch wird sich nicht unterkriegen lassen. Das ZDF erzählt die außergewöhnliche Lebensgeschichte von Olivia Jones, Deutschlands berühmtester Dragqueen, und zeigt dabei mehr als eine klassische Aufstiegsgeschichte. Der Film von Till Endemann (Regie) und David Ungureit (Buch) ist auch ein Spiegel deutscher Sitten- und Selbstbestimmungsgeschichte. Am 13. Mai 2026 lief der Film erstmals im TV und erreichte durchschnittlich 3,59 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sowie einen Marktanteil von eindrucksvollen 17,4 Prozent. Das ist kein Zufall.
Von Springe nach St. Pauli: Ein Fluchtweg zur Freiheit
Oliver Knöbel (Johannes Hegemann) wächst in Springe, einer konservativen Kleinstadt in Niedersachsen, auf. Schon als Kind liebt er Frauenkleider und Make-up, doch genau das bringt ihm Ablehnung, Spott und körperliche Gewalt ein. Die 1980er Jahre waren in puncto Geschlechter-Diversität nicht nur in der Provinz dunkle Zeiten. Seine Mutter Evelin (Annette Frier) reagiert mit Scham und Unverständnis. Als er sich selbstbewusst als Travestie-Künstler bezeichnet, rutscht ihr etwas heraus, was lange Zeit zwischen den beiden stehen wird: "Das ist nicht normal. Das ist abartig. Wer sowas macht, ist - Abschaum."
Oliver flieht nach Hamburg, auf den Kiez von St. Pauli. Doch auch dort ist es zunächst hart: Armut, Ablehnung und die AIDS-Krise der 1980er machen das Leben gefährlich und einsam. Bis Oliver auf Lilo Wanders (Stephan Kampwirth) trifft und seine Chance bekommt. Jetzt ist vieles möglich, sogar die Anmoderation vom "Wort zum Sonntag" vor dem ESC. "Vielleicht werd' ich einmal Bundeskanzlerin." Ein Highlight des Films ist übrigens die legendäre Musterungsszene, in der Oliver im roten Glitzerkleid zur Bundeswehr erscheint - eine der besten Szenen des Films, die sich tatsächlich so abgespielt haben soll, wie Olivia Jones in einem Interview bestätigte.
Echte Repräsentation statt Glitzerstaub
Es ist keines jener Biopics, die wie ein bebilderter Wikipedia-Text aussehen. Wohldosiertes Weglassen, Verdichten und Neuerfinden, ein guter Erzählrhythmus, unterstützt von den richtigen Songs und Bildern, dem perfekten Tonlagen-Mix und einer stimmigen Besetzung, sorgen dafür, dass man sich als Zuschauer dem Fluss aus Drama, Komödie & Queerness lustvoll hingeben kann. Der Film basiert auf Olivia Jones' Autobiografie "Ungeschminkt" und Olivia Jones sagt im Interview, dass "der Film sehr authentisch ist, weil er auf meiner Biografie basiert". Der Besuch am Set sei für sie körperlich spürbar gewesen: "Sogar mein Kinderzimmer sah dort genauso aus wie früher."
Aber seid gewarnt: Der Film zeigt explizit psychische und physische Gewalt, Homo- und Transfeindlichkeit sowie die Angst vor HIV/AIDS in den 1980ern. Wer mit solchen Inhalten Schwierigkeiten hat, sollte das im Hinterkopf behalten.
Dennoch ist "Olivia" kein reiner Leidensfilm. "Olivia" wird so zu einem inspirierenden Porträt einer queeren Persönlichkeit, die zeigt, wie weit man kommen kann, wenn man sich selbst treu bleibt. Der Film ist politisch, ohne belehrend zu sein, und zeigt ehrlich, wie Oliver eine "Olivia-Jones-Familie" findet - eine Wahlfamilie aus Drag-Queens, Freund*innen und Verbündeten auf St. Pauli.
Johannes Hegemann trifft den Ton perfekt
Der in Jena geborene Schauspieler Johannes Hegemann (Jahrgang 1996), seit 2020 am Thalia Theater Hamburg, verkörpert Oliver/Olivia Jones mit beeindruckender Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein zugleich. Johannes Hegemann tritt gleichermaßen selbstbewusst wie zerbrechlich auf, überzeugt in den schrillen Momenten wie auch denen, wenn es nachdenklicher wird. Er spielt die Rolle auf eine nahbare, sympathische und eindringliche Art. Das wirkt so selbstverständlich wie verletzlich. Man möchte ihn an vielen Stellen des Filmes einfach in den Arm nehmen.
Auch Annette Frier als Mutter Evelin überzeugt. Sie hat wenige Auftritte und Dialoge in "Olivia", verkörpert aber eindringlich das Ringen ihrer Figur um die Akzeptanz ihres Kindes und mit ihren eigenen Vorstellungen. Wie die Mutter ihre eigene Engstirnigkeit zu reflektieren lernt und sich mit ihrem Sohn wieder annähert, das ist der emotionale Kern dieses sehenswerten Biopics. Das Coming-Back zwischen Mutter und Kind ist eine der ehrlichsten Versöhnungsgeschichten, die ich in einem deutschen TV-Film gesehen habe.
Wo du es sehen kannst
Der Film lief am 13. Mai 2026 erstmals im ZDF zur Primetime und ist seitdem in der ZDF-Mediathek verfügbar - gratis und für ein Jahr abrufbar. In Deutschland, Österreich und der Schweiz kannst du "Olivia" also kostenlos im ZDF-Stream schauen. Es gibt keine Kinoveröffentlichung, da es sich um eine TV-Produktion handelt. Perfekt für einen Abend, an dem du Lust auf eine Geschichte mit Herz, Haltung und einem Happy End hast.
Lohnt sich das? Absolut, wenn du bereit bist
Ja, "Olivia" hat ein paar typische Fernsehfilm-Macken: Der penetrant-beliebige, fast pausenlose Piano-Klangteppich in den Kinder- und Jugendszenen von Oliver nervt, und manche Nebencharaktere bleiben eindimensional. Mehr als Mittelmaß ist Olivia aber nicht geworden. So markant die Travestiekünstlerin ohne Zweifel ist, so wenig bemerkenswert ist der Film über ihr Leben geworden, urteilt film-rezensionen.de - und ja, die Kritik ist berechtigt, wenn man streng filmanalytisch rangeht.
Aber: Dieser Film ist trotzdem wichtig. Nicht wegen perfekter Inszenierung, sondern wegen der Message. Olivia Jones kann auch als Vorbild für alle queeren Menschen dienen: Träume sind greifbar, trotz einer feindlichen Umgebung. Der Kampf lohnt sich, auch wenn er hart ist. Das sind nicht die schlechtesten Botschaften, die in der ZDF-Primetime laufen könnten. Und wenn ein TV-Film über eine Drag-Queen 3,6 Millionen Menschen erreicht und sogar den Hollywood-Hit "Barbie" bei RTL schlägt, dann zeigt das: Die Leute wollen echte queere Geschichten sehen.
Für junge schwule, bi und queere Menschen, die gerade selbst ihren Weg suchen, ist "Olivia" ein Mutmacher. Für alle anderen eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, zu seinem Kind zu stehen - egal, wie "anders" es ist. Der Film soll Mut machen, seinem Herzen zu folgen, aber auch Eltern von queeren Kindern oder Kindern, die anders sind, zeigen, wie wichtig es ist, zu seinem Kind zu stehen. Auch wenn man mit dem Lebensentwurf nicht immer ganz einverstanden ist.
Also: Stream ihn in der ZDF-Mediathek. Nimm dir 89 Minuten Zeit. Und feier mit Oliver/Olivia das Recht, einfach du selbst zu sein - mit allem Glitzer, Kampf und Herz, das dazugehört.
