Ein deutscher Indie-Film aus dem Jahr 2004, der sich traut, queere Anziehung nicht als Coming-out-Drama, sondern als schleichende Obsession zu erzählen. Regisseur Jan Krüger zeigt in seinem Debüt „Unterwegs" zwei Männer, die sich fremd sind und doch magisch anziehen, während eine Frau und ein Kind zur Kulisse ihrer unausgesprochenen Spannung werden.
Zwei Fremde, eine Rauferei, eine Reise
Benni und Marco begegnen sich in Brandenburg, wo Benni mit seiner Freundin Jule und deren Kind Urlaub macht. Die erste Szene ist eine Rauferei, kindisch und merkwürdig, weil sich die beiden nie zuvor gesehen haben. Benni ist der Reifere, der sein Leben im Griff zu haben scheint. Marco dagegen ist jünger, ein Herumtreiber mit spontanen Ideen und einer Aura, die gleichzeitig charmant und leicht bedrohlich wirkt. Er schleicht sich in die kleine Familien-Idylle ein, erst zum Abendessen, dann tiefer. Schließlich schlägt Marco eine gemeinsame Reise vor: an die polnische Ostsee, zu den Orten seiner Jugend. Was als harmloser Roadtrip beginnt, entwickelt sich zur emotionalen Gratwanderung.
Queere Spannung ohne Worte
„Unterwegs" funktioniert vor allem durch das, was nicht gesagt wird. Die Anziehung zwischen Benni und Marco bleibt unausgesprochen, fast unterschwellig, aber sie ist in jeder Szene spürbar. Krüger inszeniert die queere Dynamik nicht als klassische Liebesgeschichte, sondern als Obsession, die sich langsam in den Alltag frisst. Marco ist kein harmloser Flirt, sondern ein Eindringling, der die Grenzen zwischen Freundschaft, Begehren und Manipulation verwischt. Die Kamera bleibt dabei oft distanziert, fast dokumentarisch, was die Szenen noch beklemmender macht. Es gibt keine expliziten Sex-Szenen, aber die erotische Spannung ist durchgehend präsent. Für queere Zuschauer ist das interessant, weil der Film Männlichkeit und Begehren nicht in eindeutige Schubladen steckt. Benni ist kein „versteckter Schwuler", Marco kein klassischer Verführer. Beide bewegen sich in einem Graubereich, der ehrlicher wirkt als viele Coming-out-Klischees.
Florian Panzner und Martin Kiefer tragen den Film
Florian Panzner spielt Benni mit einer zurückhaltenden Intensität, die perfekt zur Figur passt. Man sieht ihm an, dass er spürt, wie sein Leben aus den Fugen gerät, aber er kann oder will es nicht aufhalten. Martin Kiefer als Marco ist das Gegenteil: impulsiv, undurchschaubar, gefährlich anziehend. Die Chemie zwischen den beiden ist das Herz des Films. Lena Beyerling als Jule bleibt leider etwas blass, was aber auch daran liegt, dass die Inszenierung sie bewusst zur Außenseiterin der eigentlichen Beziehung macht. Die polnischen Nebenfiguren, gespielt von Agnieszka Grochowska und Rafał Kosiński, bleiben Skizzen, was schade ist, weil sie dem Film mehr Tiefe hätten geben können.
Wo du es sehen kannst
In Deutschland läuft „Unterwegs" im Queer Cinema Amazon Channel als Streaming-Flat. Gratis gibt es ihn bei AVA VOBB und AVA HBZ. Leihen oder kaufen kannst du ihn über Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies und YouTube. In Österreich ist der Film ebenfalls über Queer Cinema bei Amazon verfügbar, alternativ als Leihe oder Kauf bei Amazon Video, Apple TV und Google Play. In der Schweiz läuft er gratis bei AVA CSAL oder als Leihe beziehungsweise Kauf bei Apple TV, Google Play und Amazon Video.
Lohnt sich die Reise ins Jahr 2004?
„Unterwegs" ist kein leichter Film. Er ist sperrig, manchmal frustrierend langsam, und die Charaktere bleiben oft rätselhaft. Aber genau das macht ihn auch sehenswert. Krüger traut sich, queere Anziehung als etwas zu zeigen, das nicht immer romantisch oder befreiend ist, sondern auch verstörend und zerstörerisch sein kann. Die Inszenierung erinnert tatsächlich an französische Arthouse-Filme jener Zeit, mit ihrer Vorliebe für Andeutungen statt Erklärungen. Für Zuschauer, die auf klassische Erzählbögen oder ein klares Ende hoffen, wird der Film enttäuschend sein. Aber wenn du Lust auf ein queeres Drama hast, das sich nicht an Konventionen hält und zwei starke Darsteller in einem emotionalen Kammerspiel zeigt, ist „Unterwegs" definitiv einen Blick wert. Mit seinen nur 80 Minuten ist er außerdem kompakt genug, um ihn an einem ruhigen Abend zu riskieren.




