Ein Road Movie durch den französischen Sommer, vier junge Leute auf der Suche nach sich selbst, und mittendrin die Frage: Wohin fahren wir eigentlich? Plein Sud von Regisseur Sébastien Lifshitz ist ein ruhiger, melancholischer Film, der queeres Begehren und Identität in die weiten Landschaften Südfrankreichs packt. Kein lauter Coming-of-Age-Kracher, sondern ein stiller Begleiter auf einer Reise, deren Ziel erst nach und nach klar wird.
Vier Menschen, ein Auto, viele Geheimnisse
Sam, 27, ist auf dem Weg nach Spanien. Warum, sagt er niemandem. Unterwegs nimmt er die Geschwister Léa und Mathieu mit. Léa ist schwanger, selbstbewusst und provokant, Mathieu ist junger, stiller, und fühlt sich sofort zu Sam hingezogen. An einer Raststätte steigt Jérémie dazu, und schon wird aus dem Roadtrip eine Art mobile WG: Léa und Jérémie kommen sich näher, Mathieu macht Sam unmissverständlich klar, dass er ihn will. Sam selbst bleibt verschlossen, zeigt Interesse, zieht sich aber immer wieder zurück. Erst gegen Ende wird klar: Er sucht seine Mutter, die er nie kennengelernt hat.
Queere Sehnsucht ohne großes Drama
Was Plein Sud von vielen anderen queeren Filmen unterscheidet, ist der Verzicht auf klassische Coming-out-Dramatik. Mathieus Interesse an Sam ist von Anfang an präsent, wird weder versteckt noch skandalisiert. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelt sich in kurzen Momenten: Blicke, Berührungen, ein Kuss am Lagerfeuer. Lifshitz, selbst offen schwul und seit den 1990ern ein wichtiger Regisseur queeren Kinos, lässt seinen Figuren Raum. Queerness ist hier nicht das Problem, sondern Teil der Reise.
Gleichzeitig ist der Film ehrlich genug, um zu zeigen, dass Sams Zurückhaltung nicht nur Schüchternheit ist: Er trägt eine Last mit sich, die ihn emotional blockiert. Die Suche nach seiner Mutter ist der eigentliche Motor der Reise, und sie steht einer echten Verbindung zu Mathieu im Weg. Das ist nachvollziehbar erzählt, aber auch ein bisschen frustrierend, weil der Film sich sehr viel Zeit lässt und die Beziehung zwischen Sam und Mathieu nie wirklich zur Entfaltung kommt.
Starkes Ensemble, besonders Théo Frilet
Yannick Renier spielt Sam mit einer Mischung aus Melancholie und verhaltenem Charme, Léa Seydoux (die später in Blau ist eine warme Farbe und als Bond-Girl bekannt wurde) gibt Léa eine ungeschliffene, fast wilde Energie. Der heimliche Star ist aber Théo Frilet als Mathieu: Er spielt das Begehren seines Charakters ohne jede Scham, gleichzeitig mit einer Verletzlichkeit, die berührt. Die Chemie zwischen ihm und Renier funktioniert, auch wenn das Drehbuch den beiden nicht genug gemeinsame Momente gönnt.
Wo du es sehen kannst
In Deutschland und Österreich läuft Plein Sud aktuell bei Sooner (auch als Amazon Channel verfügbar). In der Schweiz ist der Film derzeit auf keinem großen Streaming-Dienst gelistet. Wer auf klassisches queeres Arthouse-Kino steht, findet hier eine solide Option für einen ruhigen Filmabend.
Ein Road Movie, das sich Zeit lässt - manchmal zu viel
Plein Sud lebt von seiner Atmosphäre: Sommer, Straßen, Lagerfeuer, französische Landschaften. Lifshitz hat ein Auge für Stimmungen und lässt die Kamera oft einfach nur beobachten. Das funktioniert, solange man sich auf das Tempo einlässt. Aber ehrlich gesagt passiert über weite Strecken zu wenig. Die 87 Minuten fühlen sich länger an, weil der Film immer wieder in denselben Rhythmus verfällt: Fahren, Pause, ein kurzer emotionaler Moment, weiterfahren.
Das Ende ist emotional, aber auch ein bisschen zu offen. Sams Geschichte findet einen gewissen Abschluss, die Beziehung zu Mathieu bleibt dagegen unaufgelöst. Für manche ist das realistisch, für andere unbefriedigend. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass der Film eine klarere Haltung zu seinen Figuren findet. So bleibt Plein Sud ein schöner, melancholischer Film, der aber nicht ganz den Mut hat, sich festzulegen. Solide, atmosphärisch, aber kein Must-See.




