Punch (2022), Wenn Boxhandschuhe nicht mehr schützen

Ein Boxtalent, ein Māori-Musiker am Strand und ein Vater mit Alkoholproblem: Das neuseeländische Drama „Punch" erzählt vom Coming-out zwischen Ringseilen und toxischer Männlichkeit.

Redaktion

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Punch (2022), Wenn Boxhandschuhe nicht mehr schützen - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Tim Roth als betrunkener, fordernder Vater und ein 17-jähriger Boxer, der sich in einen schwulen Māori-Jungen verliebt: „Punch" bringt alle Zutaten mit, die queeres Indie-Kino ausmachen. Regisseur Welby Ings liefert hier sein Langfilmdebüt ab, gedreht an der Küste Neuseelands. Die Frage ist nur: Schafft der Film mehr als gut gemeinte Coming-of-Age-Klischees?

Zwischen Boxring und erster Liebe

Jim Richardson ist 17, lebt in einem verschlafenen neuseeländischen Küstenstädtchen und hat Talent. Großes Talent sogar: Im Boxring könnte er bald Profi werden, der nächste Sieg steht an. Sein Vater Stan, gespielt von Tim Roth, trainiert ihn hart, vielleicht zu hart. Stan ist Alkoholiker, setzt alle Hoffnungen in seinen Sohn und lässt nicht viel Raum für Zweifel. Doch genau die kommen, als Jim am Strand auf Whetu trifft. Der offen schwule junge Māori lebt mit seinem Hund in einer Hütte, träumt von einer Musikkarriere und ist so ziemlich das Gegenteil von allem, was Jims Vater als „männlich" akzeptieren würde. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Verbindung, die Jim zwingt, sich ehrlich zu fragen: Will ich wirklich im Ring stehen, oder kämpfe ich nur für die Träume meines Vaters?

Takatāpui-Repräsentation trifft auf toxische Männlichkeit

„Punch" verdient Respekt dafür, dass er Whetū explizit als takatāpui einführt, ein Māori-Begriff für Menschen, die außerhalb der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit stehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Whetu seine Queerness lebt, ist erfrischend. Kein Drama ums Coming-out bei ihm, kein Selbsthass. Stattdessen ist er derjenige, der Jim Raum gibt, sich selbst zu finden. Das Problem: Der Film rutscht trotzdem immer wieder in vertraute Muster. Der sensible queere Künstler am Rand der Gesellschaft, der gewalttätige, trinkende Vater als Symbol toxischer Männlichkeit, der Boxsport als Metapher für unterdrückte Gefühle. Alles schon gesehen, und „Punch" findet leider keine eigene Sprache, um diese Themen neu zu erzählen. Regisseur Welby Ings, selbst offen schwul und in Neuseeland als Autor und Akademiker bekannt, hat hier sein Herz reingesteckt, aber das Drehbuch bleibt stellenweise zu schematisch.

Tim Roth trägt den Film, der Newcomer überzeugt

Tim Roth liefert als Stan eine intensive, unangenehme Performance ab. Er spielt einen Mann, der seine eigenen Enttäuschungen in seinen Sohn prügelt, und Roth findet die Balance zwischen Bedrohung und tragischer Verlorenheit. Jordan Oosterhof als Jim ist solide, wenn auch manchmal etwas blass. In den ruhigen Momenten mit Whetu funktioniert er am besten. Conan Hayes als Whetu bringt Leichtigkeit und Würde in die Rolle, auch wenn das Drehbuch ihm wenig Tiefe jenseits der „weiser queerer Mentor"-Funktion gibt. Die Chemie zwischen Jim und Whetu ist da, aber der Film nimmt sich zu wenig Zeit, ihre Beziehung wirklich atmen zu lassen.

Wo du es sehen kannst

„Punch" läuft in Deutschland im Queer Cinemab Amazon Channel in der Streaming-Flat. Alternativ kannst du ihn bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies und YouTube leihen oder kaufen. In Österreich gilt dasselbe Angebot, ebenfalls über Queer Cinemab als Flat-Option oder zum Leihen und Kaufen bei Amazon Video, Apple TV und Google Play Movies. In der Schweiz ist der Film aktuell nicht offiziell verfügbar.

Ehrlich gemeint, aber zu vorhersehbar

„Punch" ist ein Film, der es gut meint. Er zeigt queere Māori-Repräsentation, thematisiert toxische Vaterschaft und inszeniert Coming-of-Age mit Empathie. Aber er bleibt zu sehr in seinen eigenen Genregrenzen stecken. Die Wendungen kommen genau dann, wenn man sie erwartet, die Symbolik ist dick aufgetragen, und die Auflösung fühlt sich brav an. Wenn du Lust auf ein ruhiges, atmosphärisches Drama mit starker Performance von Tim Roth hast und dich an Indie-Klischees nicht störst, ist „Punch" okay. Wenn du aber auf frische Erzählweisen oder überraschende Perspektiven hoffst, wirst du enttäuscht sein.

Für Fans von „God's Own Country" oder „Beach Rats" könnte der Film funktionieren. Alle anderen dürfen getrost abwarten, bis etwas Mutigeres um die Ecke kommt.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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