Triggerwarnung: Dieser Film zeigt psychische Manipulation, sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen und rechtsextreme Ideologie. Wenn dich diese Themen belasten, lies bitte erst die Zusammenfassung und entscheide dann, ob du ihn dir ansehen möchtest.
44 Minuten, die unter die Haut gehen. "Bester Mann" gewann 2018 den Max-Ophüls-Preis für den besten mittellangen Film und sorgte seitdem für kontroverse Diskussionen. Regisseur Florian Forsch erzählt keine queere Love-Story, sondern dokumentiert mit schonungsloser Präzision, wie ein schüchterner Teenager in die Fänge eines manipulativen Täters gerät. Hintergrund waren 66 reale Straftaten in Thüringen, bei denen ein rechtsextremer Anführer Jugendliche an Freier verkaufte.
Die Geschichte von Kevin und seinem vermeintlichen Retter
Kevin (Adrian Grünewald) kennt Mobbing als Alltag. Täglich wird er auf dem Nachhauseweg durch den Wald drangsaliert, gedemütigt, unsichtbar gemacht. Dann taucht Benny (Frederik Schmid) auf, doppelt so alt, selbstsicher, auf einem Motorrad. Er hilft Kevin, gibt ihm Nikes, erzählt von seinem Job als Talentscout und lädt ihn zu Fotoshootings in seinen abgelegenen Bungalow ein. Kevin ist fasziniert, dankbar, blind vor Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Doch Bennys Absichten sind von Anfang an dunkel. Die Fotos werden freizügiger, die Forderungen drängender, bis Kevin in ein Netz aus Manipulation, Alkohol und organisiertem Missbrauch verstrickt ist.
Kein queerer Film, aber ein Film über Macht
Hier wird es kompliziert. "Bester Mann" wird seit 2018 auf queeren Festivals gezeigt, von Edition Salzgeber (einem queeren Verleih) vertrieben und oft neben schwulen Kurzfilmen programmiert. Das hat Kritik ausgelöst: Johannes Jarchow bemängelte, dass die Veröffentlichung bei einem queeren Verleih zusammen mit einem schwulen Kurzfilm pädosexuellen Missbrauch in die Nähe von Homosexualität rücke. Diese Kritik ist berechtigt. Der Film zeigt KEINEN queeren Charakter, keine queere Identität, keine Liebe. Er zeigt ein Verbrechen. Benny nutzt das Setting (alleinlebender Mann, junger Junge, Fotos) gezielt aus, aber seine Motivation ist Macht, Profit und rechtsextreme Ideologie, keine sexuelle Orientierung.
Trotzdem ist der Film relevant für unsere Community, weil er zeigt, wie Täterstrategien funktionieren. Wie Scham, Einsamkeit und Sehnsucht nach Anerkennung missbraucht werden. Wie schnell "Freundschaft" zu Abhängigkeit wird. Regisseur Forsch betont: Das Thema sei Manipulation, nicht der Missbrauch selbst.
Zwei Schauspieler auf beängstigend hohem Niveau
Adrian Grünewald und Frederik Schmid spielen Opfer und Jäger brillant, schrieb die Saarbrücker Zeitung. Grünewald war bei Drehbeginn gerade 18 geworden und steht hier am Anfang seiner Karriere (später zu sehen in "Sloborn"). Er spielt Kevins Verzweiflung ohne Kitsch, nur mit leisen Gesten: das Anprobieren von Bennys T-Shirt, das zögerliche Aufknöpfen des Hemds, die Panik im Blick. Frederik Schmid wiederum gibt Benny eine eiskalte Freundlichkeit. Sätze wie "Ich dachte, Du bist jemand, auf den man sich verlassen kann" oder "Du musst nichts tun, was Du nicht wirklich willst" gruseln durch ihre perfide Umkehrung.
Bennys Bungalow trägt Details wie die flatternde Deutschlandfahne, die auf organisiertes Verbrechen hinter einfacher Ideologie hinweisen.
Wo du es sehen kannst
In Deutschland, Österreich und der Schweiz läuft "Bester Mann" bei Queer Cinemab Amazon Channel im Streaming-Abo. Alternativ kannst du ihn bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies und YouTube leihen oder kaufen. Der Film ist ab 12 Jahren freigegeben (FSK 12), was angesichts des Themas überraschend niedrig wirkt, aber durch die "Mut zur Lücke"-Dramaturgie gerechtfertigt ist: Forsch zeigt den Missbrauch nicht explizit, sondern arbeitet mit Andeutung und psychologischem Druck.
Lohnt sich das? Und für wen?
"Bester Mann" ist kein Film, den du dir leichtfertig reinziehst. Er ist beklemmend, frustrierend und lässt dich wütend zurück. Aber er ist auch wichtig. Forsch hofft, der Film animiere dazu, offen über Missbrauch zu sprechen und trage dazu bei, das Tabu zu brechen. Das gelingt. Die Jury des Max-Ophüls-Preises schrieb: "Wir schauen dabei zu, wie sich der Junge auf einen traumatischen Einschnitt in seinem Leben zubewegt".
Wenn du nach queerer Repräsentation, nach Hoffnung oder nach einem Feel-Good-Moment suchst, ist das hier falsch. Wenn du dich aber mit den Mechanismen von Macht, Manipulation und der Verletzlichkeit junger Menschen auseinandersetzen willst, bietet "Bester Mann" harte, ehrliche 44 Minuten. Der Film wird mittlerweile von der Beratungsstelle Zartbitter e.V. mit pädagogischem Material begleitet, was zeigt, dass er seine Rolle als Aufklärungswerkzeug ernst nimmt.
Ein letzter Punkt: Die Tatsache, dass dieser Film bei queeren Festivals und Verleihern läuft, zeigt, wie komplex und manchmal problematisch die Kategorie "queer cinema" ist. Nicht jeder Film mit männlicher Nacktheit oder Intimität zwischen Männern ist queer. Missbrauch ist kein queeres Thema. Aber die Debatte darüber, wie wir über Missbrauch sprechen, wie wir Täterstrategien erkennen und wie wir vulnerable queere Jugendliche schützen, ist es sehr wohl.
