Ein schwuler Sohn, türkische Eltern, eine arrangierte Hochzeit in Anatolien: Beyto packt ein Thema an, über das in vielen Familien bis heute nicht gesprochen wird. Die Schweizer Regisseurin Gitta Gsell erzählt in ihrem Film vom Spagat zwischen der eigenen Identität und dem familiären Erwartungsdruck, ohne dabei in Schwarz-Weiss-Klischees zu verfallen. Das Ergebnis ist ein mutiges, ehrliches Drama, das emotional packt, auch wenn es stellenweise etwas holprig daherkommt.
Zwischen Schwimmbecken und Familienehre
Beyto (Burak Ates) hat sein Leben im Griff: Er trainiert als talentierter Schwimmer für die Meisterschaft, macht seine Lehre und hilft im Kebab-Laden seiner Eltern aus. Als er sich in seinen Trainer Mike (Dimitri Stapfer) verliebt, bricht seine heile Welt zusammen. Die Liebe bleibt nicht lange geheim, Beytos konservative Eltern Narin (Beren Tuna) und Seyit (Serkan Tastemur) sind entsetzt. Ihre Lösung: Beyto wird unter einem Vorwand in die Türkei gelockt und mit Seher (Ecem Aydin), seiner Freundin aus Kindertagen, zwangsverheiratet. Plötzlich steckt Beyto in einer Dreiecksbeziehung, die niemandem gerecht wird, am wenigsten ihm selbst.
Kein Schwarz-Weiss, sondern viele Grautöne
Was "Beyto" von vielen Coming-out-Dramen unterscheidet: Gitta Gsell verteufelt die Eltern nicht. Ihre Inszenierung zeigt, wie auch Narin und Seyit unter dem Druck der Traditionen leiden, wie sie zwischen Liebe zu ihrem Sohn und der Angst vor dem Gesichtsverlust in der Community zerrieben werden. Die Mutter, die ihren Sohn für die Hochzeit anzieht, wirkt dabei selbst wie eine Getriebene. Der Film fragt nicht, wer Recht hat, sondern zeigt die Zerreissproben aller Beteiligten, auch die von Seher, die als Bauernopfer in einem Spiel endet, das niemand gewinnen kann.
Hinter der Kamera stand eine mutige Regisseurin: Gsell hat den Roman "Hochzeitsflug" von Yusuf Yesilöz adaptiert, und das Casting war ein Drahtseilakt. Viele junge Schauspieler mit türkischen Wurzeln lehnten die Rolle ab, nicht weil sie selbst ein Problem mit dem Thema hatten, sondern weil sie die Reaktion ihrer Familien fürchteten. Auch bei den Dreharbeiten in Anatolien musste die Crew verschleiern, worum es in dem Film wirklich geht. Diese reale Vorsicht spiegelt genau das wider, was der Film thematisiert: die Angst, sichtbar zu sein.
Ein Laiendarsteller, der überzeugt
Burak Ates, der hier sein Filmdebüt gibt, trägt den Film mit beeindruckender Präsenz. Der gelernte Produktionsmechaniker aus Solothurn spielt Beytos innere Zerrissenheit ohne grosse Worte, oft genügt ein Blick, eine Geste. Auch seine eigenen Eltern waren gegen das Projekt, was der Rolle eine zusätzliche Authentizität verleiht. Dimitri Stapfer als Mike ist ein guter Gegenpol: locker, selbstbewusst, aber auch lernfähig, wenn er merkt, dass sein "Warum bin ich schwul? Weil es schön ist!" in Beytos Welt nicht reicht. Beren Tuna und Serkan Tastemur als Eltern spielen ihre Rollen mit einer Mischung aus Liebe und Härte, die weh tut. Ecem Aydin als Seher ist vielleicht die tragischste Figur im ganzen Film: eine junge Frau mit Träumen, die zur Schachfigur wird.
Wo du es sehen kannst
In Deutschland streamst du "Beyto" in der Flat beim Queer Cinema Amazon Channel oder leihst ihn bei Apple TV, Amazon Video, Google Play Movies und YouTube. Auch zum Kauf ist er dort verfügbar. In Österreich gilt dasselbe Angebot (Flat bei Queer Cinema Amazon Channel, Leihe und Kauf bei den üblichen Plattformen). In der Schweiz ist die Auswahl am grössten: Der Film läuft auf Amazon Prime Video, blue TV, filmingo, Cinu und dem Queer Cinema Amazon Channel, ausserdem gratis bei Play Suisse. Leihen oder kaufen kannst du ihn bei blue TV, Apple TV, Google Play, Sky Store, filmingo und Amazon Video.
Wichtig, aber nicht perfekt
"Beyto" ist ein Film, der gebraucht wird. Er gibt einer Community eine Stimme, die in vielen Kinofilmen, besonders im deutschsprachigen Raum, noch immer unterrepräsentiert ist. Er zeigt, wie Religion, Tradition und kulturelle Erwartungen junge Menschen daran hindern, sie selbst zu sein, und das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Empathie für alle Beteiligten. Die Schweizer Filmproduktion hat hier Mut bewiesen.
Trotzdem hat der Film Schwächen: Manche Dialoge wirken etwas hölzern, das Tempo schwankt, und das Ende fühlt sich ein bisschen zu aufbauend an für die Härte, die davor gezeigt wurde. Aber diese kleinen Holprigkeiten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Beyto" ein emotional packendes, ehrliches Drama ist, das dich erschöpft und dankbar aus dem Sofa steigen lässt. Wer Geschichten über queere Menschen zwischen Kulturen sucht, die mehr zeigen als das übliche Coming-out-Klischee, liegt hier richtig. Der Film hat 2021 den Publikumspreis an den Solothurner Filmtagen gewonnen, und das völlig zu Recht: Er berührt, auch wenn er nicht perfekt ist.
