Rosanne Pel hat mit ihrem zweiten Spielfilm einen der ungewöhnlichsten queeren Filme des Jahres inszeniert. Donkey Days feierte im August 2025 seine Weltpremiere im Hauptwettbewerb des Locarno Film Festivals, wurde als Abschlussfilm der renommierten New Directors/New Films-Reihe in New York präsentiert und verbindet düstere Familienanalyse mit skurrilem Humor. Eine klare Ansage: Hier geht es nicht um leichte queere Rom-Coms, sondern um toxische Mutterbindungen, unterdrückte Wut und die Frage, wie sehr Familie uns kontrollieren darf.
Triggerwarnung: Der Film thematisiert emotionalen Missbrauch durch Familienmitglieder, Essstörungen, toxische familiäre Kontrolle und versteckte Traumata.
Zwei Schwestern, eine Mutter, unzählige verdeckte Wunden
Anna und Charlotte kehren in das norddeutsche Elternhaus ihrer Kindheit zurück, wo ihre manipulative Mutter Ines wohnt. Die beiden Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein: Anna ist queer, unangepasst und kämpft darum, sich aus der emotionalen Umklammerung der Familie zu befreien. Charlotte gibt sich als toughe Erfolgsfrau, die alles im Griff hat. Doch beide verbindet der lebenslange Wettbewerb um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter, die mal die eine bevorzugt, mal die andere fallen lässt.
Während des gemeinsamen Aufenthalts brechen alte Wunden auf. Anna konfrontiert ihre Mutter und Schwester mit einem Vorfall aus einem gemeinsamen Urlaub, bei dem die Familie sie unter Druck gesetzt hat, eine Diät zu machen. Was zunächst wie ein Familienkonflikt wirkt, entpuppt sich als tieferliegendes Muster aus Kontrolle, Abhängigkeit und emotionalem Missbrauch. Anna kämpft darum, ihre Autonomie zurückzugewinnen, während ihre Beziehung zur Freundin zunehmend unter dem Einfluss der Familie leidet. Und dann sind da noch die mysteriösen Geheimnisse, die Mutter Ines versteckt: eine Urne mit unbekannter Asche und ihre seltsame Verbindung zu einer ungarischen Eselfarm.
Queere Emanzipation in toxischer Familiendynamik
Was Donkey Days für queere Zuschauer:innen so relevant macht, ist die ehrliche Darstellung familiärer Kontrolle. Anna ist nicht nur queer, sondern verkörpert auch die Verweigerung, sich den Erwartungen der Familie unterzuordnen. Ihre sexuelle Identität wird im Film nicht dramatisiert oder als Coming-out-Trauma inszeniert, sondern als Teil ihrer Persönlichkeit akzeptiert. Der eigentliche Konflikt liegt tiefer: Es geht darum, wie Familien queere Kinder emotional manipulieren, ihnen das Gefühl geben, nie genug zu sein, und ihre Beziehungen sabotieren.
Regisseurin Rosanne Pel arbeitet mit einer unkonventionellen Methode: Keiner der Schauspieler:innen hatte ein vollständiges Skript. Pel schrieb während des Drehs um, ließ improvisieren und drehte in fünf getrennten Perioden. Das Ergebnis ist ein intensiv naturalistischer Film, der an Dogme-95-Ästhetik erinnert, aber mit surrealen, absurden Momenten durchsetzt ist. Die Kamera bleibt nah an den Figuren, die Dialoge wirken roh, fast dokumentarisch. Dieser Stil verstärkt die Unbehaglichkeit und macht den Film zu einem "lacerating portrait" weiblicher Wut, wie die MoMA-Kuratorin La Frances Hui beschreibt.
Wo bleibt die queere Filmemacher-Perspektive?
Rosanne Pel selbst ist eine niederländische Filmemacherin, die 2018 mit ihrem Debüt Light as Feathers beim Toronto International Film Festival Aufmerksamkeit erregte. Ob Pel selbst queer ist, lässt sich aus den öffentlichen Quellen nicht eindeutig belegen. Was jedoch klar ist: Sie hat ein Gespür für marginalisierte Perspektiven und Figuren, die sich nicht ins System fügen wollen. Ihr Interesse gilt den inneren Konflikten, den "internalised conflicts that many women face", wie sie selbst sagt. Donkey Days ist auch ein Film über weibliche Wut, über die Unfähigkeit, sich von toxischen Bindungen zu lösen, und über die absurde Komik, die in dysfunktionalen Familien entsteht.
Ein Cast, der alles gibt
Jil Krammer debütiert in ihrer ersten Filmrolle als Anna und liefert eine beeindruckende Performance ab. Krammer ist keine professionelle Schauspielerin, und genau das macht ihre Darstellung so authentisch. Sie verkörpert die Zerrissenheit zwischen Loyalität zur Familie und dem Wunsch nach Selbstbestimmung mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Susanne Wolff (bekannt aus Wild, Styx) spielt Charlotte als scheinbar kontrollierte Erfolgsfrau, deren Fassade im Laufe des Films bröckelt. Hildegard Schmahl gibt der manipulativen Mutter Ines eine unheimliche Präsenz, die zwischen Verletzlichkeit und narzisstischer Kontrolle schwankt.
Carla Juri (Feuchtgebiete, Blade Runner 2049) tritt in Rückblenden als junge Version von Ines auf und gibt dem Charakter zusätzliche Tiefe. Amke Wegner spielt Annas Freundin Noe und bringt die Perspektive einer Person ein, die von außen auf diese toxische Familiendynamik blickt und zunehmend verzweifelt.
Wo du es 2026 sehen kannst
Der deutsche Kinostart von Donkey Days ist für den 25. Juni 2026 geplant. Der Verleih Salzgeber & Co. bringt den Film in die Kinos, vor allem in Programmkinos und Arthouse-Locations in Deutschland. In Österreich zeigt das Votiv Kino in Wien den Film bereits ab 8. Juni 2026 in Originalfassung mit deutschen Untertiteln. In der Schweiz ist noch kein konkreter Start bekannt, aber da Salzgeber auch dort aktiv ist, dürfte der Film in ausgewählten Kinos laufen.
Streaming-Angebote gibt es aktuell noch nicht. Wer den Film sehen will, sollte ins Kino gehen oder auf eine spätere VoD-Veröffentlichung warten. Erfahrungsgemäß landen solche europäischen Arthouse-Produktionen 6 bis 12 Monate nach Kinostart auf Plattformen wie MUBI oder als digitaler Kauf.
Ein Film für alle, die ehrliche queere Geschichten wollen
Donkey Days ist kein Feel-Good-Film. Er ist unbequem, manchmal absurd, oft verstörend und genau deshalb so wertvoll. Rosanne Pel zeigt queere Identität nicht als Problem, sondern als Teil eines größeren Kampfes um Selbstbestimmung. Der Film fragt: Wie viel Schaden richten Familien an, die Liebe als Kontrollinstrument einsetzen? Und wie findet man einen Weg raus, ohne sich selbst zu verlieren?
Für alle, die nach Tár, Saint Omer oder Close ähnlich anspruchsvolle europäische Filme schätzen, ist Donkey Days ein Muss. Wer hingegen leichte Unterhaltung oder ein Happy End erwartet, ist hier falsch. Aber wenn du bereit bist, dich auf ein intensives, mutiges Familiendrama einzulassen, das queere Emanzipation ernst nimmt und nicht glorifiziert, dann solltest du dir diesen Film nicht entgehen lassen. Die Esel sind übrigens echt. Und ja, sie haben eine tiefere Bedeutung.
