Enzo (2025) - Ein stiller Aufstand zwischen Beton und Begehren

Ein 16-jähriger Bourgeois-Sohn wird Maurer, um seiner Familie zu entkommen. Auf der Baustelle trifft er Vlad aus der Ukraine. Das posthume Meisterwerk von Laurent Cantet, vollendet von Robin Campillo.

Redaktion

4 Min Lesezeit

Enzo (2025) - Ein stiller Aufstand zwischen Beton und Begehren - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Wenn ein Film mit zwei Regisseur-Credits beginnt ("Ein Film von Laurent Cantet, Regie: Robin Campillo"), weißt du: Hier liegt eine Geschichte vor, die größer ist als das Kino selbst. Enzo ist das letzte Projekt des 2024 verstorbenen Palme-d'Or-Gewinners Laurent Cantet (Entre les murs), vollendet von seinem langjährigen Freund und Cutter Robin Campillo (120 BPM). Und genau diese Kollaboration, getragen von Trauer und Respekt, hat einen der ehrlichsten queeren Coming-of-Age-Filme der letzten Jahre hervorgebracht. Kein Kitsch, kein Hollywood-Optimismus, aber auch kein Trauma-Porno. Nur ein 16-jähriger Junge, der im Hochsommer an der Côte d'Azur zwischen Klassenkampf, Begehren und dem Versuch, endlich er selbst zu sein, navigiert.

Wenn der Bourgeois-Sohn zum Maurer wird

Enzo (Eloy Pohu, ein Newcomer mit beeindruckender Präsenz) ist 16, lebt in einer schneeweißen Villa mit Pool und Meerblick, und sollte eigentlich studieren. Sein Vater Paolo (Pierfrancesco Favino) ist Akademiker, seine Mutter Marion (Élodie Bouchez) Ingenieurin, sein Bruder strebt nach Paris ans Lycée Henri IV. Aber Enzo? Der schmeißt alles hin und fängt auf dem Bau an. Nicht aus Leidenschaft für Handwerk (er ist grottig darin), sondern aus stummem Protest gegen die Welt, in die er hineingeboren wurde.

Auf der Baustelle in La Ciotat trifft er Vlad (Maksym Slivinskyi), einen ukrainischen Maurer Mitte 20, der im echten Leben ebenfalls auf dem Bau arbeitet und hier sein Schauspieldebüt gibt. Vlad zeigt Enzo Fotos seiner weiblichen "Eroberungen", nimmt ihn mit zu Clubnächten (die Enzo als Minderjähriger nicht reinkommt), wird zum großen Bruder, den Enzo nie hatte. Und langsam, in zarten, fast schmerzhaft subtilen Momenten, wird klar: Für Enzo ist Vlad mehr als ein Kumpel. Er ist Obsession, Sehnsucht, erste Liebe. Vlad selbst? Bleibt unerreichbar, ein Rätsel. Die queere Spannung brodelt unter der Oberfläche, explodiert aber nie laut. Genau das macht den Film so real.

Wie queer ist Enzo wirklich?

Campillo (selbst schwul) und Cantet (hetero) hatten während der Entwicklung diskutiert, ob Enzo "fluid" ist oder ob er schwul wird und es erst hier begreift. Sie einigten sich darauf, das offenzulassen. Der Film ist kein klassisches Coming-out-Drama. Enzos Eltern sind liberal, seine Sexualität wäre ihnen vermutlich egal. Das Problem ist sein Alter, seine Rebellion, die Tatsache, dass er sich weigert, in die Schublade zu passen, die seine Familie für ihn vorgesehen hat.

Die Kamera von Jeanne Lapoirie (die auch Catherine Corsinis Sommerfilme gedreht hat) fängt die homoerotische Ladung in Blicken, Berührungen, verschwitzten Körpern auf der Baustelle ein. Vlad zieht sein T-Shirt aus, Enzo schaut. Vlad leiht ihm ein Hemd, Enzo trägt es wie eine Reliquie. Es gibt keine expliziten Sexszenen (das ist kein Call Me by Your Name mit Pfirsich-Moment), aber die Sehnsucht ist greifbar. Und im letzten Akt, wenn Vlads Rückkehr in die Ukraine droht, wird klar: Enzos Gefühle sind echt, aber unerwidert oder zumindest unausgesprochen.

Ein Cast zwischen Debütanten und Veteranen

Eloy Pohu (ehemaliger Leistungsschwimmer, null Schauspiel-Erfahrung) trägt den Film auf seinen schmalen Schultern. Sein Enzo ist wortkarg, explosiv, verletzlich, nie eindimensional. Campillo erzählte in Interviews, dass Cantet anfangs skeptisch war, aber nach einem Wochenend-Test mit Pohu überzeugt wurde. Das sieht man: Pohu spielt nicht, er ist.

Maksym Slivinskyi (ebenfalls Laiendarsteller) bringt eine raue Authentizität mit. Sein Vlad ist kein Klischee des "heißen Arbeiters", sondern ein echter Typ: charmant, beschädigt, mit einem Fuß im Krieg. Pierfrancesco Favino (bekannt aus Nostalgia) gibt dem besorgten Vater Tiefe, ohne ihn zum Bösewicht zu machen. Élodie Bouchez (Wild Reeds) ist als Mutter eher Randfigur, aber ihre wenigen Szenen sitzen.

Wo du es sehen kannst

Enzo startet am 18. Juni 2025 in den deutschen Kinos (offizieller Kinostart in Frankreich war ebenfalls Mitte Juni). In der Schweiz ist der Film bereits auf Canal+ im Streaming-Flat verfügbar, außerdem kannst du ihn bei blue TV leihen oder kaufen. Für Deutschland und Österreich wird nach Kinoauswertung wahrscheinlich ein Streaming-Release über die üblichen Arthouse-Plattformen folgen. Falls du Festivals bevorzugst: Enzo lief 2025 bei Cannes (Directors' Fortnight Opener), beim Sydney Film Festival, beim BFI London Film Festival und bei mehreren anderen internationalen Festivals.

Ein Film über das Recht, nicht zu passen

Kritiker waren gespalten. Manche lobten die "tender" und "quietly powerful" Inszenierung, andere fanden den Film "zu brav", zu vertraut in seiner Coming-of-Age-Formel. Die Wahrheit liegt dazwischen: Enzo ist kein revolutionäres Meisterwerk, aber ein verdammt ehrlicher, schön fotografierter Film über einen Jungen, der nicht weiß, wohin er gehört. Die letzte Szene (ein Telefonat, das an Call Me by Your Name erinnert) ist emotional messerscharf und rechtfertigt allein den Kinobesuch.

Für uns in der Community ist Enzo relevant, weil er queeres Begehren zeigt, ohne es zu pathologisieren oder zu feiern wie eine Pride-Parade. Enzo ist halt so. Sein Vater nennt ihn mal einen "petit bourge qui se raconte des histoires" (kleiner Bourgeois, der sich Geschichten erzählt). Mag sein. Aber Enzos Suche nach Authentizität, sein Widerstand gegen die Komfortzone, seine erste große Liebe, die nicht erwidert wird: Das ist universell. Und das ist queer im besten Sinne, nämlich: nicht den Normen entsprechend.

Campillo hat Cantets Vermächtnis mit Würde zu Ende gebracht. Der Film ist eine Hommage an die Freundschaft der beiden Regisseure, aber auch ein Statement: Adoleszenz ist politisch. Klasse ist politisch. Begehren ist politisch. Und manchmal reicht es, still zu rebellieren, auch wenn die Welt dich nicht versteht. Lohnt sich? Ja. Für alle, die subtile, melancholische queere Stoffe mögen und keine Lust auf Hochglanz haben. Ein solider 7/10-Film, der nachhallt.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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