Stell dir vor: Du bist 76, hast mit 50 dein Coming-out gehabt, 25 Jahre offen schwul gelebt. Und dann wirfst du dich gesundheitsbedingt zurück ins Pflegeheim, wo du wieder so tust, als wärst du hetero. Maspalomas von den baskischen Regisseuren Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga erzählt genau diese Geschichte und zeigt damit ein queeres Leben, über das viel zu selten gesprochen wird: das Alter.
Triggerwarnung: Der Film zeigt explizite sexuelle Szenen und behandelt Themen wie Schlaganfall, Pflegebedürftigkeit, familiäre Entfremdung und die COVID-Pandemie.
Ein Paradies und sein abruptes Ende
Vicente verbringt seine Tage in Maspalomas, dem queeren Hotspot auf Gran Canaria: Sonne, Strand, Cruising in den Dünen. Nach der Trennung von seinem langjährigen Partner genießt er sein Single-Leben in vollen Zügen. Doch dann erleidet er beim Feiern einen Schlaganfall. Als er aufwacht, ist alles anders: Seine Tochter Nerea, die er vor Jahrzehnten verlassen hat, holt ihn nach San Sebastián zurück. Vicente landet in einem Pflegeheim. Und weil er keine Lust auf Konflikte hat, verschweigt er dort einfach, dass er schwul ist. Fast ohne es zu merken, steckt er wieder im Armario (dem Schrank), aus dem er sich mühsam befreit hatte.
Was der Film für queere Zuschauer bedeutet
Maspalomas ist brutal ehrlich. Der Film zeigt queere Sexualität im Alter ohne Scham und ohne die Kamera wegzudrehen. Das ist selten und wichtig. Gleichzeitig erzählt er von einem Dilemma, das viele ältere queere Menschen kennen: das ständige Coming-out. Wie eine Filmkritikerin auf Letterboxd schrieb, "hören wir nie auf, aus dem Armario zu kommen. Wir tun es immer und immer wieder." Vicente muss in jeder neuen Umgebung, bei jedem neuen Menschen entscheiden, ob er sich zeigt oder versteckt.
Die Regisseure Arregi und Goenaga behandeln das Thema mit großer Sensibilität und ohne falsche Sentimentalität. Sie zeigen Vicente nicht als Opfer, sondern als komplexen Menschen mit Fehlern: Er hat seine Familie verlassen, ist manchmal egoistisch, manchmal ängstlich. Das macht ihn echt. Die Inszenierung wechselt zwischen den sonnendurchfluteten, neongetränkten Bildern von Maspalomas und dem grauen, sterilen Alltag im Pflegeheim. Diese visuelle Kontraste unterstreichen Vicentes inneren Konflikt.
Ein besonders starker Aspekt: Der Film stellt die unbequeme Frage, ob Maspalomas für Vicente wirklich Freiheit war oder nur ein schönerer Schrank. Wie Co-Regisseur Goenaga in einem Interview sagte: "Was ist Maspalomas? Es ist ein riesiger Armario." Das sitzt.
José Ramón Soroiz brilliert in der Hauptrolle
Der Film steht und fällt mit José Ramón Soroiz, der in jeder einzelnen Szene präsent ist. Seine Performance ist nuanciert und berührend. Er zeigt Vicente als vollen, lebendigen Menschen, bevor der Schlaganfall zuschlägt, und dann als gebrochenen Mann, der in seinem eigenen Körper gefangen ist. Für diese Leistung gewann Soroiz den Goya Award als bester Hauptdarsteller 2026. Auch Nagore Aranburu als seine entfremdete Tochter Nerea überzeugt, und Kandido Uranga als sein konservativer Zimmerkollege Xanti liefert eine überraschend vielschichtige Darstellung.
Besonders interessant: Vicentes Pfleger Iñaki (Kepa Errasti) wird zu einer heimlichen Verbindung. Vicente findet ihn auf einer Hookup-App und chattet anonym mit ihm, während Iñaki ihn tagsüber im Pflegeheim versorgt. Diese Doppel-Identität wird zum Symbol für Vicentes innere Zerrissenheit.
Wo du Maspalomas 2026 sehen kannst
Der Film hatte seine Weltpremiere beim San Sebastián Film Festival 2025 und lief anschließend in spanischen Kinos. Für Deutschland wird der Film von Salzgeber & Co. Medien vertrieben, ein deutscher Kinostart steht aber noch nicht fest (Stand Juni 2026). Es lohnt sich, die Website von Salzgeber im Auge zu behalten oder auf Festival-Screenings zu hoffen. In DACH ist der Film derzeit noch nicht regulär auf Streaming-Plattformen verfügbar.
Ein wichtiger Film mit kleinen Schwächen
Maspalomas ist kein perfekter Film. Einige Kritiker merkten an, dass die erste Stunde sehr explizit ist und manchmal die subtile Schauspielkunst überschattet. Die Einführung der COVID-Pandemie in der zweiten Hälfte wirkt etwas aufgesetzt und bringt die Erzählung ins Stocken. Und ja, der Film hat "ein oder zwei Enden zu viel", wie eine Rezension bei Eye for Film bemerkte.
Aber das sind Details. Maspalomas ist vor allem ein Film, der eine Lücke füllt: Er zeigt queeres Altern, queere Sexualität jenseits der 70 und die Tatsache, dass unsere Rechte und unsere Sichtbarkeit nie selbstverständlich sind, besonders nicht in Institutionen wie Pflegeheimen. Er erinnert daran, dass Begehren nicht mit dem Alter endet und dass die Kämpfe, die wir im Kopf ausfechten, manchmal härter sind als die nach außen.
Für wen lohnt sich der Film? Für alle, die bereit sind, sich auf ein langsames, nachdenkliches Drama einzulassen. Für alle, die queere Geschichten abseits der üblichen Coming-of-Age-Erzählungen sehen wollen. Und für alle, die verstehen wollen, was es bedeutet, ein Leben lang für die eigene Identität zu kämpfen und trotzdem immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Maspalomas ist kein leichter Film, aber ein wichtiger. Und einer, der noch lange nachhallt.
