Ein schwuler Western? Das klingt erst mal nach einem Widerspruch. Doch "Nationalhymne" beweist, dass Cowboys, Rodeos und queeres Leben sich nicht ausschließen müssen. Regisseur und Fotograf Luke Gilford nimmt uns mit auf eine Ranch in New Mexico, die zum sicheren Hafen für Dylan wird, einen 21-jährigen Bauarbeiter, der noch gar nicht weiß, dass er nach genau so einem Ort gesucht hat.
Die Geschichte: Wenn eine Ranch zur Wahlfamilie wird
Dylan (Charlie Plummer) schuftet auf dem Bau, hält seine alkoholkranke Mutter im Zaum und ist die einzige Bezugsperson für seinen kleinen Bruder Cassidy. Als er einen Job auf einer Ranch annimmt, stößt er auf das "House of Splendor", eine lebendige Community von queeren Rodeo-Künstler:innen. Dort trifft er auf Pepe (Rene Rosado), den charismatischen Besitzer, die mitreißende Pferdetrainerin Sky (Eve Lindley) und Carrie (Mason Alexander Park), die nonbinäre Seele der Gruppe. Zwischen spektakulären Wüstenlandschaften und nächtlichen Lagerfeuern entdeckt Dylan Seiten an sich, von denen er nicht wusste, dass sie existieren. Besonders Sky zieht ihn magisch an, und bald entwickelt sich zwischen ihnen eine intensive Verbindung, die Dylan zum ersten Mal spüren lässt, was es heißt, seine "Leute" gefunden zu haben.
Authentizität statt Trauma-Porn: Eine neue Art, queere Geschichten zu erzählen
Was "Nationalhymne" von vielen anderen queeren Filmen unterscheidet, ist sein bewusster Verzicht auf das übliche Drama. Keine gewalttätigen Hassverbrechen, kein verzweifeltes Coming-out, keine homophoben Eltern, die ihre Kinder verstoßen. Stattdessen zeigt Gilford eine queere Oase, in der Menschen einfach sein dürfen, wer sie sind. Das ist kein naiver Eskapismus, sondern bewusste Entscheidung. Der Regisseur, dessen Vater selbst Rodeo-Reiter war, hat jahrelang die International Gay Rodeo Association dokumentiert und weiß: Diese Räume existieren wirklich.
Besonders bedeutsam ist die Besetzung von Eve Lindley, einer trans Schauspielerin, als Sky. In einem Interview betonte sie, wie wichtig es für sie war, eine so körperlich präsente, selbstbewusst sexuelle trans Frau zu spielen. Sky ist keine Tragödienfigur, sondern eine kraftvolle, freie Persönlichkeit. Allerdings zeigt sich hier auch eine Schwäche des Films: Manche Kritiker:innen merkten an, dass Sky zeitweise zur "Manic Pixie Dream Girl" wird, die vor allem Dylans Entwicklung vorantreibt, statt eine vollständig eigenständige Figur zu sein. Trotzdem bleibt Lindleys Performance eine der großen Stärken des Films.
Was Gilford ebenfalls gelingt: Er zeigt, dass das Rodeo selbst schon immer "queer" war. Hairspray, enge Jeans, Glitzer auf den Gürteln, performative Männlichkeit. Der Western als Genre ist voll von Codes, die sich queere Menschen längst angeeignet haben. "Nationalhymne" macht sichtbar, was immer da war.
Charlie Plummer und eine Cast, die Geschichte schreibt
Charlie Plummer (bekannt aus "Lean on Pete" und "All the Money in the World") liefert eine beeindruckend stille, sensible Performance ab. Dylan ist kein lauter Charakter, er beobachtet, er spürt, er öffnet sich langsam. Plummer trägt den Film mit einer Intensität, die sich vor allem in den Momenten zeigt, in denen Dylan sich traut, aus sich herauszugehen. Besonders eine Szene, in der er in rotem Pailletten-Kleid und Perücke auf der Bühne in Drag performt, ist emotional überwältigend.
Eve Lindley bringt als Sky eine magnetische Präsenz mit, die jede Szene zum Leuchten bringt. Mason Alexander Park ("The Sandman") spielt Carrie, eine Drag-Performerin und Art Hausmutter der Ranch, mit Herz und Tiefe. Und Rene Rosado als Pepe verkörpert eine männliche Sensibilität, die in Westernfilmen selten zu sehen ist. Viele Nebendarsteller:innen sind echte Mitglieder der queeren Rodeo-Community, was dem Film zusätzliche Authentizität verleiht.
Wo du es 2026 sehen kannst
In Deutschland ist "Nationalhymne" derzeit bei mehreren Anbietern verfügbar: Gratis streambar auf Plex und Plex Channel. Zum Leihen oder Kaufen findest du den Film bei Apple TV, Amazon Video, MagentaTV und Videoload. In Österreich und der Schweiz ist er bei Apple TV und Amazon Video (AT) bzw. Apple TV (CH) zum Leihen oder Kaufen verfügbar, ebenfalls gratis auf Plex.
Ein visuelles Gedicht mit kleinen Schwächen
"Nationalhymne" ist wunderschön gefilmt. Die Kameraarbeit von Katelin Arizmendi ("Swallow") fängt die Weite der New-Mexico-Wüste in warmen, goldenen Tönen ein, die sich wie ein visuelles Versprechen von Freiheit anfühlen. Gilford, der als Fotograf für Vogue und Vanity Fair gearbeitet hat, weiß, wie man Bilder inszeniert, die im Gedächtnis bleiben.
Gleichzeitig ist der Film etwas dünn in der Handlung. Die Familiendynamik mit Dylans Mutter bleibt unterentwickelt, manche emotionalen Wendungen kommen abrupt. Der Film setzt bewusst auf Atmosphäre statt auf dichtes Storytelling, was manchmal zu Längen führt. Mit 91 Prozent auf Rotten Tomatoes hat "Nationalhymne" auf Festivals wie SXSW und TIFF gefeiert und den Preis für bestes Debüt beim Raindance Film Festival gewonnen. Das Festival-Echo war durchweg positiv, auch wenn einige Kritiker:innen anmerkten, dass der Film eher ein "visuelles Porträt" als ein narrativ dichtes Drama ist.
Trotzdem: Für alle, die genug von queeren Tragödienerzählungen haben und sich nach einem Film sehnen, der queere Freude, Sinnlichkeit und Zugehörigkeit feiert, ist "Nationalhymne" ein absolutes Muss. Es ist ein Film, der zeigt, dass ländliche queere Communities nicht nur existieren, sondern blühen. Und dass Cowboys nicht immer straight sein müssen, um echt zu sein.
