Stell dir vor, das Fegefeuer wäre kein düsterer Ort der Buße, sondern ein verschwitzter queerer Club in Cali, in dem du mit dem personifizierten Tod um deine Lebensjahre pokern kannst. Genau dort führt dich Rains Over Babel hin, das Spielfilmdebüt der spanisch-kolumbianischen Regisseurin Gala del Sol, das seit seiner Sundance-Premiere Anfang 2025 durch Festivals tourt und seit Januar 2026 auch in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen ist. Der Film ist vieles zugleich: überdrehte Fantasie, queeres Manifest, tropischer Rausch. Und er ist laut, schrill und kompromisslos. Nicht alle werden ihn lieben - aber genau darin liegt seine Kraft.
Vier Geschichten, ein Club, eine Nacht im Limbo
Der legendäre Club Babel ist nicht nur irgendeine Dive Bar in Cali. Er ist das Purgatorium selbst, regiert von La Flaca (Saray Nohemi Rebolledo Ospino), der personifizierten Sensenfrau, die mit ihren Gästen Wetten um Lebensjahre abschließt. Hier kreuzen sich vier Erzählstränge: Seelenfänger Dante (Felipe Aguilar Rodríguez) will endlich aus seinem Vertrag mit dem Tod aussteigen. Drag-Neuling Jacob kämpft gegen die christlich-fundamentalistischen Erwartungen seines Pastor-Vaters an, während er sich auf seine erste große Performance vorbereitet. Timbí (Jose Mojica) macht sich mit einer sprechenden Salamander-Begleiterin auf, den verschwundenen Sänger der Salsa-Band The Black Mamba zu finden. Und mittendrin navigiert eine Mutter namens Uma verzweifelt durch Höllenkreise, um das Leben ihrer todkranken Tochter zu retten.
Die Handlung springt wild zwischen magischem Realismus, Camp-Aesthetik und ernsten Momenten hin und her. Gala del Sol nennt ihren Stil selbst „retrofuturistisch tropical punk", und das ist keine Übertreibung. Die Bildsprache erinnert an frühe Almodóvar-Filme, gemischt mit Gregg Araki und einem Schuss Tim Burton, nur eben in Neonfarben getaucht und mit Salsa unterlegt.
Queere Selbstermächtigung statt Moralkeule
Was Rains Over Babel von vielen anderen queeren Filmen unterscheidet, ist sein radikaler Ansatz zur Repräsentation. Der Cast besteht zu 60 Prozent aus Mitgliedern der LGBTIQ+ Community, zu 92 Prozent aus afrolateinamerikanischen Darsteller*innen. Und das Beste: Diese Besetzung ist keine Quote, sondern organischer Teil der Erzählung. Der Film zeigt queere Schwarze Menschen in Kolumbien, Drag Queens, Trans-Charaktere und schwule Soldaten - Figuren, die im lateinamerikanischen Kino bisher kaum Raum bekamen.
Entstanden ist das Projekt während der Pandemie, als del Sol mit einer Gruppe junger Theaterschauspieler*innen zwischen 20 und 25 improvisierte. Sie forderte sie auf, Charaktere zu erschaffen, die ihnen helfen würden, etwas in sich selbst zu heilen. Heraus kam ein Film, der von Akzeptanz, Vergebung und queerer Widerstandskraft erzählt - aber ohne erhobenen Zeigefinger. „Manchmal muss man ins Nichts springen", sagt eine Figur, „und das, was brennen muss, soll brennen." Das ist die Haltung des ganzen Films: lieber wild und ehrlich als perfekt und glatt.
Allerdings: Der Film ist nicht unumstritten. Einige queere Festivals lehnten ihn ab, weil er „nicht queer genug" sei, während ihn „normale" Festivals als „zu queer" empfanden. Auch narrativ spaltet er: Cineuropa nannte ihn „flashy but diffuse", die deutsche Kritik bei Kino-Zeit bemängelte, dass er sich zu sehr klassischen Erzählstrukturen unterwirft, obwohl er eigentlich ein „Mood Piece" sein will. Variety dagegen feierte ihn als „maximalistischen Triumph" und die Regisseurin als „fabulös eigenwillige Stimme des zeitgenössischen Kinos".
Ein Cast, der sich traut
Saray Rebolledo brilliert als La Flaca mit einer Mischung aus Eleganz, Humor und unheimlicher Autorität. Felipe Aguilar Rodríguez als Dante spielt den verlorenen Sensenmann mit Kajal-umrandeten Augen und Lederkluft, eine Figur zwischen Melancholie und Aufbruch. Besonders stark ist die Performance von Jhon Bayron Quintero Valencia als Drag Queen Darla Experiment, deren Coming-out-Geschichte direkt aus dem Leben des Darstellers kommt - seine Mutter ist in echt christliche Pastorin. John Alex Castillo als Gian Salai, der Bar-Betreiber, und Sofia Buenaventura als stumme Muse Erato runden das exzentrische Ensemble ab.
Die Besetzung arbeitet mit der Ästhetik, nicht gegen sie. Del Sol ließ die Schauspieler*innen improvisieren und ihre eigenen Traumata einbringen. Das Ergebnis fühlt sich manchmal chaotisch an, aber auch zutiefst authentisch.
Wo du es 2026 sehen kannst
In Deutschland wird Rains Over Babel seit Januar 2026 von Cinemien vertrieben und läuft in ausgewählten Programmkinos - unter anderem in Berlin, München, Hamburg und Köln. Der Film hatte seine deutsche Premiere auf der Berlinale 2025 und tourte durch mehrere queere Filmfestivals. In Österreich und der Schweiz gibt es bisher keine reguläre Kinoauswertung, aber einzelne Screenings bei Festivals wie Identities Wien sind geplant.
Ob und wann der Film auf Streaming-Plattformen landet, ist noch offen. In Kolumbien war er 2026 übrigens ein überraschender Kinohit und schaffte es auf Platz 1 der nationalen Charts. International ist er auf ausgewählten Festivals zu sehen, darunter Inside Out Toronto und das Pride Film Festival in New York, wo er den Best International Feature Award gewann.
Ein wilder Ritt, der nicht für alle funktioniert
Ist Rains Over Babel perfekt? Nein. Die Handlung springt manchmal zu wild zwischen ihren vier Erzählsträngen, die Laufzeit von 111 Minuten hätte straffer sein können, und wer sich an klassischen Drei-Akt-Strukturen orientiert, wird hier verloren gehen. Aber genau das ist auch die Stärke des Films: Er weigert sich, brav zu sein. Er ist laut, bunt, chaotisch und manchmal überwältigend - wie eine durchzechte Nacht in einem queeren Club eben auch ist.
Für wen lohnt sich der Film? Wenn du auf visuell überbordende Filme stehst, die Konventionen brechen, wenn du mehr als die üblichen schwulen Coming-of-Age-Geschichten sehen willst, wenn du bereit bist, dich auf etwas einzulassen, das dich auch mal verwirren darf - dann ist Rains Over Babel ein absolutes Must-Watch. Wenn du lieber klare Erzählungen mit happy Endings magst, könnte dich der Film frustrieren. Aber selbst dann: Die Bilder, die Energie, die Musik - das bleibt hängen. Gala del Sol hat mit ihrem Debüt ein Statement gesetzt, und das queere Kino ist um eine mutige Stimme reicher.
