Ein junger Polizist lockt Männer in die Toilette, um sie zu verhaften. Sein Job? Schwule jagen, die nur einen schnellen Moment der Freiheit suchen. Sein Problem? Er ist selbst schwul. Und dann trifft er Andrew. Tom Blyth ("The Hunger Games") und Russell Tovey ("Looking") liefern starke Performances in diesem komplexen Thriller, der im Januar 2025 bei Sundance Premiere feierte und den U.S. Dramatic Special Jury Award für das Acting Ensemble gewann.
New York, 1997: Cruising ist illegal, Liebe auch
In den 1990er Jahren in Upstate New York ist Lucas Brennan (Tom Blyth) ein Polizist in Zivil, der für eine Undercover-Operation abgestellt wird, die auf schwule Männer in Shopping-Malls abzielt. Er tut so, als würde er cruisen, nutzt Blicke und Gesten, um Männer glauben zu lassen, dass er ein Treffen sucht. Dann führt er sie in Toiletten, wo sie von anderen Beamten wegen exhibitionistischer Handlungen verhaftet werden. Das zerrt an Lucas' Gewissen, denn er versteckt selbst seine Sexualität. Als er Andrew (Russell Tovey) begegnet, einen verheirateten Mann, der ihm seine Nummer zusteckt, gerät sein Leben aus den Fugen. Zwischen ihnen entsteht eine elektrische, heimliche Verbindung. Lucas verliert sich in Panik, Begehren und der Frage: Darf ich sein, wer ich bin?
Die Handlung springt zwischen Zeitebenen: Silvester in der Familie, die Suche nach einem verlorenen Brief, Flashbacks zur Affäre. Plainclothes strotzt vor einer Atmosphäre der Paranoia und Angst.
Warum der Film 2025 so verdammt aktuell ist
Regisseur und Drehbuchautor Carmen Emmi feiert mit Plainclothes sein Spielfilmdebüt. Seine Inspiration: die Frage "Was passiert, wenn du deine Gefühle unterdrückst?" Emmi, selbst schwul und in seinen frühen 20ern geoutet, erzählt eine Geschichte, die historisch wirkt, aber beängstigend nah ist. Allein 2025 wurden am Bahnhof Penn Station in New York über 200 cruisende Männer verhaftet. Was vor ein paar Jahren noch wie ein Rückblick auf eine hässliche, weniger befreite schwule Vergangenheit gewirkt hätte, ist heute eine bittere Pille mit etwas zu sagen über unsere prekäre Gegenwart.
Emmi setzt lo-fi VHS-Footage ein, um das Gefühl von Überwachung zu erzeugen: Polizei-Kameras, die Lucas' Gewissen verfolgen, und Erinnerungsfetzen. Die Ästhetik spaltet: Manche Kritiker loben die intensiv subjektive Inszenierung, andere finden die visuell überarbeitete Nutzung von Lowgrade-Video und verzerrtem Sound aufdringlich. Aber darüber sind sich fast alle einig: Es ist eine bewegende Geschichte, sensibel erzählt und wunderschön gespielt von den beiden Leads.
Tom Blyth und Russell Tovey: Chemie, die brennt
Tom Blyth liefert eine gequälte, unvergessliche Performance als Lucas, der am Rande eines Nervenzusammenbruchs operiert. Blyth spielt einen hübschen jungen Undercover-Cop, der im Einkaufszentrum-Badezimmer als Lockvogel eingesetzt wird, um verheimlichte Queers zu fangen. Lucas trägt selbst eine Last: Diese Arbeit hat ihn realisieren lassen, dass er selbst schwul ist. Sein Leben gerät außer Kontrolle, als die Elektrizität zwischen ihm und Andrew (Russell Tovey) ihn überwältigt.
Tovey hat weniger Screentime, ist aber total magnetisch, spielt eine ebenso gequälte Seele, die besser darin geworden ist, ihre Wache hochzuhalten. Ihre geschaffene Nische des Trostes in einer beängstigenden Welt ist mit Sorgfalt und Mitgefühl gestaltet. Die Chemie zwischen den beiden? Es gibt körperliche Hitze zwischen den Männern (Blyth und Tovey committen sich definitiv zur Chemie, das ist sicher), aber sie ist nur auf der Haut. Wie könnte es anders sein, wenn sie nur Hüllen von Menschen sein dürfen?
In den Nebenrollen überzeugen Maria Dizzia als Lucas' Mutter Marie, Amy Forsyth als seine unterstützende Ex-Freundin Emily und Gabe Fazio als toxischer Onkel Paul.
Wo du Plainclothes sehen kannst
Plainclothes feierte Weltpremiere beim Sundance Film Festival am 26. Januar 2025 und wurde in den USA am 19. September 2025 veröffentlicht. In Großbritannien kam der Film am 10. Oktober 2025 durch Curzon Film ins Kino. In Deutschland startet Plainclothes am 15. Januar 2026 im Kino, verliehen durch Cinemien. In Österreich und der Schweiz gibt es bislang keine offiziellen Startdaten.
Streaming-technisch ist der Film bereits in den USA bei MUBI, Prime Video, Apple TV und anderen Plattformen verfügbar. Für den deutschsprachigen Raum gibt es noch keine VoD-Termine, aber nach dem Kinostart ist mit einer baldigen Verfügbarkeit zu rechnen.
Lohnt es sich? Ja, aber mit Vorwarnung
Plainclothes ist kein Feel-Good-Film. Die Romanze (wenn man das so nennen kann) zwischen Lucas und Andrew ist von Anfang an eine hoffnungslose, tote Sache, die in Täuschung beginnt. Es ist ein Film über Scham, Selbsthass und die brutale Realität, dass queere Menschen auch 2025 noch gejagt werden. Im harten Licht von 2025 sieht der Snapshot des Jahres 1997 nicht wie gestern aus. Er ist morgen, er ist heute, ein verhextes filmisches Überall, in dem Fortschritt nicht versprochen ist und Scham und Einsamkeit sexueller Unterdrückung im Blitz der Polizeilichter, in den ernsten Gesichtern der Mütter und im unausweichlichen Summen von Videorauschen ewig gemacht werden.
Die Inszenierung ist manchmal überladen: Emmi scheint verdammt darauf versessen zu sein, jeden einzelnen Trick, jede Rauchschwade und jeden Spiegel zu nutzen, die er, Editor Erik Vogt-Nilsen und Kameramann Ethan Palmer zur Verfügung haben. Viele davon funktionieren nicht. Ich wurde zu oft aus dem Drama und der Reibung herausgerissen, ein Gefühl, das sicher von vielen Zuschauern geteilt wird. Emmis Over-Directing ist ein Bärendienst für diese Schauspieler und Charaktere. Trotzdem: Plainclothes ist ein packender und bewegender Film, der zu einem explosiven Finale aufbaut.
Für wen ist der Film? Für dich, wenn du intensive, ehrliche queere Geschichten willst, die nicht beschönigen. Wenn du bereit bist, dich mit Themen wie internalierter Homophobie, staatlicher Überwachung und dem Preis des Versteckens auseinanderzusetzen. Wenn du schwul oder bi bist, ist das besonders bewegend. Aber selbst wenn du es nicht bist, erwartet dich ein neuartiges Konzept und eine packende Story, die dich durch eine augenöffnende Erfahrung über schwule Liebe klebt, oder das Fehlen davon.
Auf Rotten Tomatoes sind 84 Prozent von 87 Kritiken positiv. Das Urteil: Plainclothes ist ein wichtiger, ambitionierter, manchmal unrunder, aber letztlich lohnender Film. Carmen Emmi ist ein Name, den du dir merken solltest.
