Rio Reiser war einer der wenigen deutschen Rockstars, die offen schwul lebten, lange bevor das cool war. Seine Band Ton Steine Scherben schrieb den Soundtrack zur linken Gegenkultur der 70er Jahre. „Scherbenland" fragt jetzt, 30 Jahre nach Reisers Tod: Was ist geblieben? Lohnt sich ein nostalgischer Blick zurück, oder wird hier nur ein Mythos aufgewärmt? Die Antwort liegt irgendwo dazwischen, und genau das macht den Film ehrlich.
Von brennenden Barrikaden und sanften Liedern: Das alte Kreuzberg und seine Hymnen
„Warum geht es mir so dreckig?" Mit dieser Frage begann das erste Album von Ton Steine Scherben Anfang der 70er. Die Band um den charismatischen Rio Reiser (bürgerlich Ralph Christian Möbius) lieferte mit Songs wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht" und „Der Traum ist aus" die Hymnen für Hausbesetzungen, Straßenkämpfe und die Suche nach einem anderen Leben im West-Berliner Kreuzberg. Regisseur Lutz Pehnert montiert Archivmaterial aus dieser Zeit: rauchende Besetzende im leerstehenden Bethanien-Krankenhaus, brennende Barrikaden am 1. Mai, Tränengas, Wasserwerfer. Dazu Reisers raue, eindringliche Stimme. Der Film nutzt diese Bilder nicht als Nostalgie-Tapete, sondern als seismografisches Instrument, um zu messen, was sich verändert hat und was gleich geblieben ist.
Heute begleitet „Scherbenland" zwei Kreuzberger Musik-Acts: das Rap-Trio RAPK (Victor, Tariq, Gustav) aus dem Wrangelkiez und die Singer-Songwriterin Maike Rosa Vogel. RAPK wuchsen im Schatten von Rio Reisers Mythos auf, ihre Texte kreisen um Gentrifizierung, Polizeigewalt und Zwangsräumungen. Vogel, die inzwischen in einem Second-Hand-Laden arbeitet, schlägt die Brücke zwischen damals und heute. Die Parallelen sind brutal deutlich: Was früher die Besetzung des Bethanien war, ist heute die Kündigung wegen Eigenbedarfs. Victors Familie droht die Zwangsräumung, sein Vater grinst trotzig: „Sollte ich den Prozess verlieren, lasse ich mich von der Polizei runtertragen. Und dann gibt's eine Party auf der Straße!"
Rio Reiser als queere Ikone: Ein Rebell zwischen allen Fronts
Rio Reiser war nicht nur Sänger, er war eine queere Ikone zu einer Zeit, als das in der linken Szene alles andere als selbstverständlich war. Er lebte offen schwul, lange bevor das Wort „Coming-out" zum Mainstream-Begriff wurde. In den frühen 70ern war Homosexualität in der autonomen Linken verpönt, und Reiser litt darunter. In seinem Tagebuch schrieb er mit Anfang 20: „Es ist nicht meine Krankheit, dass ich Männer liebe. Die Angst, das ist meine Krankheit, und die ist tödlich." Erst Mitte der 70er arbeitete er mit der schwulen Theater-Performance-Gruppe „Brühwarm" zusammen, für die Ton Steine Scherben zwei LPs komponierten. Später, in den 80ern, sprach er in Interviews offen über seine Sexualität und wurde zum Vorbild für viele, die sich nicht in Schubladen pressen lassen wollten.
„Scherbenland" erzählt diese queere Geschichte leider nur am Rande, über Archivmaterial. Der Film hätte hier mutiger sein können. Stattdessen legt er den Fokus auf die musikalische Kontinuität zwischen damals und heute. Was schade ist, denn Reisers queere Identität war ein zentraler Teil seines Lebens und seiner politischen Haltung. Die Doku zeigt ihn als Künstler und Aktivisten, aber die Tiefe seiner Erfahrung als schwuler Mann in einer homophoben Gesellschaft bleibt unterbeleuchtet.
Die neuen Stimmen: RAPK und Maike Rosa Vogel zwischen Party und Widerstand
RAPK sind keine Kopie der Scherben. Ihre Musik ist weniger utopisch, dafür unmittelbarer im Jetzt verankert. Sie können die Columbiahalle in Berlin füllen, aber ihr Publikum wirkt deutlich partyorientierter als die Hausbesetzergeneration der 70er. Ihr Song „Scherbenland" zitiert den Geist von damals („Der Rauch steigt auf und die Welt zerbricht in Scherben"), aber die großen sozialen Massenbewegungen gibt es nicht mehr. Maike Rosa Vogel arbeitet als Verkäuferin und macht Musik nebenbei. Ihre Songs sind leise, introspektiv, melancholisch. Sie ist die Vermittlerin zwischen den Zeiten, die den Geist der alten Lieder im gentrifizierten Kreuzberg weiterleben lässt.
Das Problem: Lutz Pehnert beschränkt sich auf genau diese zwei Acts. Die Kritik hat darauf hingewiesen, dass das zu wenig ist. Ein breiteres Spektrum an Stimmen hätte dem Film gutgetan. So bleibt der Eindruck, dass hier etwas fehlt, dass mehr über Kreuzbergs Musiklandschaft zu erzählen gewesen wäre. Die Dichotomie Rap versus Singer-Songwriter funktioniert, aber sie ist zu schematisch.
Wo du den Film sehen kannst
„Scherbenland" ist seit dem 30. April 2026 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen, unter anderem in Berlin im FSK, im Yorck Kino in der Yorckstraße und im Babylon in Mitte. Der Verleih liegt bei Salzgeber, die für queere und politische Dokumentarfilme bekannt sind. Eine Streaming-Verfügbarkeit ist derzeit noch nicht angekündigt. Wer den Film sehen will, sollte ins Kino gehen (was bei einem Film über Gemeinschaft und Widerstand ohnehin passender ist). FSK ab 12 Jahren.
Ein ehrliches Porträt ohne einfache Antworten
„Scherbenland" ist kein Jubelfilm. Er stellt die unbequeme Frage, warum der große Aufschrei heute ausbleibt, warum es keine neuen Rebellen und Protestsänger mehr gibt. Die Antwort bleibt offen. Vielleicht, weil Regisseur Lutz Pehnert sie bewusst nicht geben will. Der Film verzichtet auf erklärenden Off-Kommentar und lässt Bilder, Musik und Stimmungen für sich sprechen. Das ist mutig, aber auch frustrierend. Man möchte manchmal mehr Einordnung, mehr Tiefe.
Für junge queere Menschen ist Rio Reiser eine wichtige Figur, auch wenn der Film das nicht ausreichend betont. Er hat sich nicht vereinnahmen lassen, weder von der Linken noch von der Schwulenbewegung. Er wollte einfach er selbst sein, und dafür hat er gekämpft. Seine Songs wie „Ich will ich sein" oder „König von Deutschland" sind zeitlose Hymnen der Selbstbestimmung. Der Film gelingt dort am besten, wo er diese Kontinuität spürbar macht: zwischen Protest, linken Idealen und Gemeinschaftsgefühl einerseits und Verdrängung, Gentrifizierung und Turbokapitalismus andererseits.
Lohnt sich „Scherbenland"? Ja, wenn du Lust auf eine melancholische, ehrliche Zeitreise hast. Nein, wenn du einen packenden, aktivistischen Aufruf erwartest. Der Film ist leise, wo man sich manchmal mehr Wut wünschen würde. Aber vielleicht ist genau das die traurige Wahrheit über Kreuzberg heute: Die Wut ist noch da, aber sie hallt leiser nach. Und die Frage, ob Musik noch die Kraft hat, eine Stadt zu verändern, bleibt offen wie eine Wunde.
