Strange River (2025) - Wenn die Donau zum Spiegel queerer Sehnsucht wird

Ein 16-Jähriger, ein Fahrrad-Roadtrip am Donauufer und ein rätselhafter Junge, der immer wieder im Wasser auftaucht. Das katalanische Spielfilmdebüt von Jaume Claret Muxart ist poetisches Arthouse-Kino über queeres Erwachsenwerden, das auf 16mm gedreht wurde und international Festivals begeistert hat.

Redaktion

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Strange River (2025) - Wenn die Donau zum Spiegel queerer Sehnsucht wird - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih · Discovery: queerfilmnacht.de

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Stell dir vor, du bist 16, frisch zurückgewiesen von deinem Schwarm und eingepfercht mit deiner Familie auf einem Fahrrad-Roadtrip entlang der Donau. Klingt nach Albtraum? Für den katalanischen Teenager Dídac wird es zu einer magischen, fast surrealen Reise der Selbstfindung. Strange River (Originaltitel: Estrany riu) ist das Spielfilmdebüt des jungen Regisseurs Jaume Claret Muxart und hatte seine Weltpremiere in der Orizzonti-Sektion der Filmfestspiele von Venedig 2025. Der Film wanderte seither über San Sebastián, die Viennale, Busan und Chicago weiter durch die internationale Festival-Landschaft und landete schließlich 2026 auf dem New Directors/New Films Festival im New Yorker MoMA.

Die Geschichte: Ein mysteriöser Junge, der aus dem Wasser kommt

Dídac (Jan Monter) ist 16, introvertiert und leidet unter frischem Liebeskummer. Sein Herz gehört einem gewissen Gerard, der ihn geküsst und dann zurückgewiesen hat. Jetzt verbringt er die Sommerferien mit seinen Eltern Mónika (Nausicaa Bonnín) und Albert (Jordi Oriol) sowie seinen beiden jüngeren Brüdern Biel (Bernat Solé) und Guiu (Roc Colell) auf einer Fahrradtour entlang der Donau, irgendwo im ländlichen Süden Deutschlands. Die Stimmung ist typisch Familien-Urlaub: Der Vater doziert über Bauhaus-Architektur und die Ulmer Hochschule für Gestaltung, die Mutter probt nebenbei die Rolle der Hauptfigur in Hölderlins „Der Tod des Empedokles", die Brüder rangeln, und Dídac versucht einfach nur, in Ruhe gelassen zu werden.

Doch dann passiert etwas Seltsames. Beim Schwimmen im Fluss taucht plötzlich ein nackter Junge in Dídacs Alter im Wasser auf, Alexander (Francesco Wenz). Er verschwindet, kommt wieder, zieht Kreise um Dídac, neckt ihn. Ist er real? Ein Geist? Eine Fantasie, geboren aus unerfülltem Verlangen? Regisseur Claret Muxart lässt die Frage bewusst offen und verwandelt den Fluss in einen magischen Raum zwischen Wirklichkeit und Traum. Mit jedem Stopp der Reise wird die Begegnung intensiver, und Dídacs Mutter, die als Teenager dieselbe Donau-Strecke bereiste und sich dort das erste Mal verliebte, erkennt, was in ihrem ältesten Sohn vorgeht. Sie ermutigt die beiden Jungen schließlich, allein weiterzuziehen. Aber je weiter sie kommen, desto drängender wird die Frage: Wer ist Alexander wirklich?

Was der Film für queere Zuschauer bedeutet

Das Besondere an Strange River ist, dass er nicht „noch eine Coming-out-Story" ist. Dídacs Eltern wissen längst, dass ihr Sohn schwul ist. Der Vater fragt locker nach Gerard, die Mutter versteht sofort, wenn Dídac sich zurückzieht. Es gibt keine Konfliktszene am Esstisch, keine Tränen, keine Ablehnung. Stattdessen konzentriert sich Claret Muxart auf etwas viel Subtileres und Mutigeres: auf das erotische Erwachen selbst, auf die Sehnsucht, die Verwirrung, die hormonelle Unruhe, die jeden Sommertag zu einer Ewigkeit und jede Begegnung zu einem Rätsel machen.

Der Regisseur, selbst queer und 1998 in der Nähe von Barcelona geboren, hat in Interviews betont, dass er keine weiteren „tired tropes" queerer Coming-of-Age-Filme bedienen wollte. Sein Film atmet vielmehr den Spirit von Guadagninos Call Me By Your Name, flirtet mit der surrealen, queer-codierten Traumlogik eines Apichatpong Weerasethakul und hat die sinnlich-körperliche Intensität von Claire Denis. Auf 16mm gedreht, mit übersättigten Farben (glühende Grüntöne, vibrierendes Orange, fast schwarzes Blau), wirkt jedes Bild wie ein überbelichtetes Ferienfoto aus deiner Jugend. Die Kritik lobte genau dieses „Sustaining its mood of mystery" (Screen International) und die „delicate, poetic, and certainly nostalgic" Atmosphäre (El Confidencial). Der Film wurde mit 4 bis 4,5 von 5 Sternen rezensiert und Jan Monter, der Dídac spielt, war für den Goya und den Gaudí Award als bester Nachwuchsdarsteller nominiert.

Cast und Regie: Ein katalanisches Familienprojekt

Jan Monter ist ein absoluter Newcomer und spielt Dídac mit einer Mischung aus Trotz, Verletzlichkeit und verträumter Sehnsucht, die fast hypnotisch wirkt. Nausicaa Bonnín gibt der Mutter Mónika eine schöne Balance aus Nostalgie und mütterlicher Präsenz, während Jordi Oriol als Vater Albert liebenswert nerdig und verständnisvoll agiert. Francesco Wenz, der Alexander spielt, ist ein Phantom, ein Spiegel, eine Projektion, und das funktioniert gerade weil Claret Muxart ihm fast keine Dialoge gibt.

Der Film ist stark autobiografisch geprägt. Claret Muxart reiste als Kind und Jugendlicher mehrfach mit seiner eigenen Familie per Fahrrad entlang europäischer Flüsse. Seine Mutter ist Schauspielerin (wie Mónika im Film), sein Vater Architekt (wie Albert). Der jüngere Bruder Biel ist nach seinem eigenen Bruder benannt. Diese persönliche Verwobenheit macht den Film zu einer Art filmischem Tagebuch, in dem Erinnerung, Familie und queeres Begehren ineinander fließen wie die Donau selbst. Produziert wurde der Film von ZuZú Cinema (unter anderem bekannt für Oliver Laxes Fire Will Come), mit Unterstützung von Eurimages, FFF Bayern und dem katalanischen ICEC.

Wo du es 2026 sehen kannst

Leider ist Strange River derzeit nicht regulär in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar. Der Film wurde am 3. Oktober 2025 von Elastica Films in Spanien in die Kinos gebracht. In Österreich lief er im Oktober 2025 auf der Viennale, die Rechte für Österreich liegen bei Salzgeber & Co. Medien GmbH. Ein regulärer Kino- oder Streaming-Start im DACH-Raum wurde noch nicht angekündigt. Falls du Zugang zu internationalen Festival-Plattformen oder Arthouse-Kinos hast, halte Ausschau, der Film ist es wert. Alternativ: Augen offen halten für VoD-Releases oder einen möglichen Streaming-Deal über Salzgeber in den kommenden Monaten.

Lohnt sich der Trip an die Donau?

Ehrlich gesagt: Strange River ist nicht für jeden. Das ist slow cinema, traumlogisch, manchmal absichtlich rätselhaft. Wenn du auf klare Handlung, schnelle Cuts und eindeutige Antworten stehst, wirst du hier nicht glücklich. Aber wenn du bereit bist, dich treiben zu lassen, dich von der Donau mitziehen zu lassen wie Dídac, dann bekommst du einen der schönsten, mutigsten queeren Coming-of-Age-Filme der letzten Jahre. Einen Film, der nicht erklärt, sondern fühlt. Der nicht belehrt, sondern beobachtet. Der queeres Begehren nicht als Problem, sondern als Magie behandelt.

Jan Monters Performance ist hypnotisch, die Bilder sind zum Verlieben schön, und die queere Subtext-Arbeit ist endlich mal subtil statt plakativ. Wenn du Call Me By Your Name oder Close mochtest, aber dir eine Version mit mehr visueller Poesie und weniger Tragik wünschst, dann ist das dein Film. Ein absolutes must-watch für alle, die queeres Arthouse-Kino lieben, das sich Zeit nimmt und seinen Charakteren Raum gibt zu atmen, zu zweifeln, zu begehren.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih · Discovery: queerfilmnacht.de). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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