The Bearded Mermaid (2024) - Wenn Dieppe plötzlich glitzert

Drag Queens bringen eine französische Kleinstadt zum Leuchten: Ein Film voller Herzblut, mit Schwächen, aber ehrlicher als die meisten Queer-Filme 2024.

Redaktion

4 Min Lesezeit

The Bearded Mermaid (2024) - Wenn Dieppe plötzlich glitzert - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih · Discovery: pro-fun.de

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Ein Film, der in nur 12 Tagen gedreht wurde, mit einem Budget von 10.000 Euro und einer Truppe, die größtenteils aus Nicht-Schauspielern besteht? Das klingt nach Chaos. Aber The Bearded Mermaid ist auch ein Film, der aus purem Trotz entstanden ist. Regisseur Nicolas Bellenchombre, der das echte Drag-Cabaret „La Sirène à Barbe" in Dieppe leitet, wurde 2020 homophob attackiert und hat danach erst recht ein Zuhause für queere Menschen geschaffen, auf der Bühne und jetzt auch auf der Leinwand. Das Ergebnis ist ein Film, der zwischen Dokumentation und Melodram schwankt, manchmal holprig wirkt, aber am Ende genau das tut, was er soll: Er zeigt verletzliche Menschen hinter dem Glitzer.

Fischer trifft auf Drag Queens: Die Geschichte von Erwan

Im normannischen Hafenstädtchen Dieppe bringen die Drag Queens des Cabarets „La Sirène à Barbe" jeden Abend ein spektakuläres Programm auf die Bühne, mit Gesang, Akrobatik, Tanz und Zirkuselementen. Der lokale Fischer Erwan (Victor Grillot) stolpert eines Abends in diese schillernde Welt und ist sofort fasziniert. Er taucht ein in das bunte Universum der Truppe und entdeckt hinter den Kostümen und dem Make-up Menschen, die einsam, verletzlich und überempfindlich sind, aber alles geben, um ihre Vision so weit wie möglich zu tragen. Erwan wird Teil dieser gewählten Familie und erlebt, wie sich die Künstler auf eine große Show vorbereiten, die Dieppe so noch nie gesehen hat.

Zwischen Dokumentation und Fiktion: Wie ehrlich ist die Darstellung?

Die meisten der Darsteller spielen sich selbst, mit Ausnahme von Regisseur Bellenchombre alias „Diva Beluga". Das gibt dem Film eine rauhe Authentizität, aber auch eine gewisse Unsicherheit. Kritiker bemängeln, dass das Drehbuch in der Mitte an Struktur verliert und der Film zwischen dokumentarischer Beobachtung und theatralischer Inszenierung nicht wirklich weiß, wo er hingehört. Die Schauspieler wirken manchmal steif, als würden sie eher für die Theaterbühne als für die Kamera spielen. Aber gerade diese Ungeschliffenheit macht den Film so besonders: Er ist aufrichtig und real, ohne die typische Hochglanz-Ästhetik, die queere Geschichten oft in ein Marketingprodukt verwandelt.

Bellenchombre hat den Film als politisches Statement konzipiert. Nach der homophoben Attacke wollte er einen sicheren Ort schaffen und mit dem Film einen Raum öffnen, der auch Menschen außerhalb der Community einlädt. Das gelingt stellenweise gut, doch der Film zeichnet das Cabaret manchmal zu binär: Hier die glitzernde, heile Welt, dort die gebrochenen, einsamen Seelen dahinter. Die Soap-artigen Beziehungsdramen wirken überzogen und nehmen dem Film etwas von seiner Glaubwürdigkeit.

Visuell hat der Film seine Momente. Die Fotografie spielt geschickt mit den Kontrasten zwischen den bunten Cabaret-Lichtern und den tristen Tönen der Hafenstadt Dieppe. Eine Szene in Brighton, in der die Truppe unter Stroboskop-Licht tanzt, entfaltet eine seltsame Poesie und sagt mehr über die Verbindung der Charaktere als jedes Wort. Doch gerade gegen Ende verliert der Film seine Inszenierung und wirkt wie ein zu flacher Vlog, statt uns wirklich in diese Welt eintauchen zu lassen.

Die Truppe: Keine Stars, aber echte Menschen

Maxime Sartori (Sweety Bon Bon), Fabrice Morio (Beluga) und Alonso Ojeda bilden das Herzstück der Truppe. Keiner von ihnen ist professioneller Schauspieler, und das merkt man. Aber genau darin liegt auch die Stärke: Sie bringen ihre eigene Persönlichkeit mit auf die Leinwand, ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigene Verletzlichkeit. Beluga ist der nervöse Stage-Manager, Sweety der feurige Wirbelwind, Alonso der sanfte Akrobat. Victor Grillot als Erwan dient als Identifikationsfigur für das Publikum, ein Außenseiter, der Zugang zu einer Welt bekommt, die ihm fremd ist.

Der Film schafft es, die Charaktere sympathisch und berührend zu machen, indem er die Leiden und Einsamkeit hinter der kreativen Freude zeigt. Aber er gibt ihnen nicht genug Raum, um wirklich zu Filmcharakteren zu werden. Sie vibrieren auf der Leinwand, aber der Zuschauer bleibt auf Distanz, es fehlt eine tiefere Tür in ihre Intimität.

Wo du es 2026 sehen kannst

Der Film ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Leih- oder Kaufoption verfügbar. In Deutschland kannst du ihn bei Apple TV Store, Amazon Video, MagentaTV und Videoload leihen oder kaufen. In Österreich läuft er bei Amazon Video und Apple TV Store, in der Schweiz ausschließlich bei Apple TV Store. Der Film hatte im Oktober 2024 seinen französischen Kinostart und lief dann in den USA, wo er rund 500.000 Zuschauer erreichte, was für eine Indie-Produktion beachtlich ist. Er wurde auch beim Berlinale-Festival im Februar 2024 gezeigt.

Lohnt sich der Blick hinter die Pailletten?

The Bearded Mermaid ist kein perfekter Film. Er schwankt, stolpert, verliert manchmal die Richtung. Er ist zu fiktional für eine Doku, zu dokumentarisch für eine richtige Fiktion. Die Darstellung ist teils holprig, das Drehbuch dreht sich im Kreis, und die Beziehungsdramen wirken manchmal aufgesetzt. Aber der Film ist aufrichtig, und diese Amateur-Energie gibt ihm einen überraschenden Charme.

Was den Film wertvoll macht, ist seine Intention: Er will einer gewählten Familie Tribut zollen, Menschen sichtbar machen, die sonst im Schatten bleiben, und ihnen Raum geben. Er will ein hoffnungsvoller Film sein, besonders für jene, die durch Gewalt gegen die LGBTQ+-Community unter Druck stehen - und darin sind die Macher erfolgreich. Für alle, die sich für Drag-Kultur interessieren, für queere Geschichten abseits des Mainstreams oder für DIY-Kino mit Herz, ist The Bearded Mermaid ein berührender Abend. Nur erwarte keine Hollywood-Perfektion. Erwarte stattdessen echte Menschen, die trotz allem leuchten wollen.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (Bild © TMDb / Filmverleih · Discovery: pro-fun.de). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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