Ein elfjähriger Junge mit Cowboyhut steht auf einer Ranch in Colorado und erklärt dem Regisseur, was ein echter Cowboy ausmacht: hart sein, nicht heulen, weitermachen. Zehn Jahre später sitzt derselbe Junge, inzwischen 22, vor der Kamera und ringt um Worte. Der Filmemacher kann ihm mit Archivaufnahmen aushelfen, in denen der Elfjährige noch voller Selbstsicherheit antwortete. Der Unterschied zwischen diesen beiden Momenten ist das Herzstück von 'The Cowboy', einem deutschen Dokumentarfilm, der seit dem 14. Mai 2026 in den Kinos läuft und schonungslos zeigt, was das Festhalten an toxischen Männlichkeitsidealen kostet.
Crowleys Traum vom Cowboyleben
Crowley McCuistion wächst ab 2015 in Olney Springs, Colorado auf, mit seinem Vater, seiner Mutter, einem acht Jahre älteren Bruder und einer Schwester. Sein Traum: Rodeo-Reiter werden, berühmt werden, später die Farm seines Großvaters erben. Crowley wirkt, als käme er aus dem Mutterleib schon fertig, um sich selbst zu versorgen - mit elf Jahren fährt er bereits den Familien-Truck, arbeitet auf der Ranch, lernt vom Vater das Cowboy-Handwerk. Dann schlägt eine Familientragödie zu: Crowleys älterer Bruder stirbt bei einem Verkehrsunfall. Die Familie zerbricht. Der Vater wird zum Trinker, die Eltern trennen sich. Crowleys Cowboy-Ideal bröckelt.
Toxische Männlichkeit als Erbe
Das ist der Punkt, an dem 'The Cowboy' seine eigentliche Kraft entfaltet. Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren begleitet der Film den Weg des Protagonisten zum erwachsenen Mann und dekonstruiert dabei den Mythos vom Cowboy als Symbol unbeugsamer Männlichkeit. Regisseur André Hörmann (der mit 'Ringside' bereits 2019 bei der Berlinale Generation 14plus einen queeren Coming-of-Age-Film zeigte) lässt die Frauen der Familie zu Wort kommen: Mutter Farrah und Schwester Chaney sprechen darüber, wie die Männer in der Familie ihre Stärke darin sehen, keine Emotionen zu zeigen. Der Vater, den Crowley mit 'Sir' anredet, wird als prügelnder Alkoholiker geoutet. Was für das justboys-Publikum besonders relevant ist: Der Film zeigt schonungslos, wie toxische Männlichkeitsbilder von Generation zu Generation weitergegeben werden und wie schwer es ist, sich davon zu befreien. Crowley erkennt im Lauf der Jahre, dass zu echter Stärke auch Verletzlichkeit und der Mut zum Scheitern gehören.
André Hörmanns Langzeitbeobachtung
Von Frühjahr 2015 bis Sommer 2024 hat André Hörmann Crowley und seine Familie begleitet. Der Film ist ein ruhiger, sorgfältig beobachteter Dokumentarfilm, der sich Zeit nimmt für seine Figuren und deren Entwicklung. Die Kamera bleibt nah dran, verzichtet aber auf Voyeurismus. Hörmann beobachtet Crowley und seine Familie mit Sensibilität und Sympathie, während die harten Schichten schnell abblättern und die Verletzlichkeiten darunter sichtbar werden. Die Besetzung besteht aus realen Menschen: Crowley McCuistion, seine Mutter Farrah Lee, seine Schwester Chaney und sein Vater Curt spielen sich selbst - das macht den Film so authentisch und kraftvoll.
Wo du ihn sehen kannst
'The Cowboy' läuft seit dem 14. Mai 2026 regulär in deutschen Kinos im Verleih von Salzgeber. Das Festival Locarno zeigte die Weltpremiere am 8. August 2025 in der Sektion Semaine de la Critique. Eine Streaming-Verfügbarkeit ist aktuell noch nicht angekündigt - wer den Film sehen will, sollte ins Kino gehen. Einen Trailer findest du auf YouTube (ID: RBvaP6pk09k). FSK: ab 6, pädagogische Empfehlung ab 14 Jahren.
Warum dieser Film wichtig ist
'The Cowboy' ist keine queere Geschichte im klassischen Sinn - Crowley ist heterosexuell, hat eine Freundin, zieht später nach Texas. Aber der Film ist trotzdem für die justboys-Community relevant, weil er genau das Thema behandelt, das viele schwule und bi Männer selbst durchmachen: den Druck, einem starren Männlichkeitsbild zu entsprechen, die Angst vor Verletzlichkeit, die Last, niemals Schwäche zeigen zu dürfen. Er überzeugt durch seine Nähe zum Protagonisten und seine sensible Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern und Lebensrealitäten. Es gibt einige Momente, in denen die Grenzen dessen, was Hörmann zeigen oder einfangen konnte, sichtbar werden - aber das ändert nichts daran, dass 'The Cowboy' ein ehrlicher, berührender Film ist, der zeigt: Stärke hat nichts mit Härte zu tun. Lohnt sich.
